Die Stadt der "Brüder Galevi"

13. Februar 2009, 10:32
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Kampf gegen Mafia entscheidend für EU-Bericht über die Justizreform

Es ist nicht ratsam in Dupnitsa, einer Stadt rund 60 Kilometer südwestlich von Sofia, die Pizzeria Napoli zu besuchen. Sie hat nämlich besondere Stammgäste - die Berater des Stadtparlaments, Angel Hristov und Plamen Galev. Bevor sie eintreten, durchstöbern bewaffnete Sicherheitsleute das Lokal, um potenzielle Gefährdungen für ihre Chefs zu verhindern.

Es ist in Bulgarien nicht üblich, dass Stadtparlamente eigene Berater haben und dass diese sich in Begleitung von Bodyguards bewegen. Aber Dupnitsa ist keine gewöhnliche Stadt: Hier regiert die Mafia.

Mit ihrem Geld und entsprechenden Druckmitteln konnten die berüchtigten Geschäftsleute Galev und Hristov 2007 bequem Bürgermeister und Stadträte installieren und für sich selbst die Amtsposten von Beratern schaffen. Sie brachten mit ihren Schlägertrupps, Spitzeln und Abzockern die Gemeinde ganz unter ihre Kontrolle. Eine gewisse Verbundenheit zum Innenministerium und den Justizbehörden festigte ihren Einfluss noch. Im Moment können Galev und Hristov, bekannt als die „Brüder Galevi", die Pizzeria Napoli allerdings nicht besuchen. Sie sind in Haft. Ihnen wird vorgeworfen, eine kriminelle Gruppierung geführt und ihre Mitbürger erpresst zu haben.

Viele wie der Taxiunternehmer Ivan mussten wegen ihnen ihre Heimatstadt verlassen und zittern noch heute, in ihrem neuen Wohnort erkannt zu werden. Jahrelang musste Ivan seinen Abzockern 250 Euro monatlich zahlen. Nur so konnte er sich ein „Recht auf seine Arbeit" garantieren. Als er einmal die Summe nicht rechtzeitig zahlen konnte, wurde er so geschlagen, dass er fünf Zähne verlor und impotent wurde. Die DANS, das bulgarische FBI, sah sich schließlich wegen Ivan und anderen, die Opfer der Gewalt der „Brüder Galevi" wurden, veranlasst, Razzien durchzuführen.

Im Sofioter Gericht laufen noch andere „große Verfahren" wie etwa gegen Slatomir Ivanov-Baretata, einen Boss der Drogenmafia und mutmaßlichen Mörder, und Valentin Dimitrov, den Ex-Direktor der Fernwärmegesellschaft Toplofikazia. Daran, ob diese Verfahren auch zu Ergebnissen führen, misst Brüssel den Reformwillen Bulgariens. Der Bericht über die Justizreform wird heute erwartet.

„Die Menschen glauben hier, die Justiz demonstriere nur im Vorfeld des neuen EU-Berichts eine gewisse Entschlossenheit", sagt Milen Popov, ein Stadtrat in Dupnitsa, dem Standard. Bislang gibt es erst ein Urteil gegen das organisierte Verbrechen - zu oft werden vor Gericht Beweise nur bedingt vorgebracht, weil Informationen aus Kreisen der Polizei und Justiz bis zu den Kriminellen durchsickern oder die Verfahren auf Druck von hohen Beamten vertagt werden.
In Dupnitsa erwartet man deshalb, dass die Mafiabosse freigelassen werden und für diejenigen, die inzwischen gegen sie ausgesagt haben, die Zeit der Rache beginnt. Die Stadt ist schöner und sauberer, seitdem Galev und Hristov im Stadtparlament sitzen, hört man überall. Loyalität zu den „Galevis" wird schließlich auch belohnt.

Keine Fragen in Dupnitsa

„Sie geben uns Geld für Arzneien, für Transport und Festessen zu Ostern," sagt Borislav Drenski, ein Vertreter eines Behindertenvereins. Die anderen hören ihm mit gesenktem Kopf zu. In Dupnitsa sieht jeder, dass die öffentlichen Orte für Behinderte so unzugänglich wie immer bleiben.
„Keiner fragt sich, warum Unternehmer keine Steuer zahlen," sagt Stadtrat Popov. Wenn sie besteuert würden, könnten das Geld schließlich an Sozialbedürftige gehen. In Dupnitsa hat man aufgehört zu fragen. „Die Mädchen fürchten sich, abends auszugehen" erzählt eine Siebzehnjährige. „Nicht wegen Plamen und Angel, sondern wegen ihrer Schläger, die sich problemlos Mädchen ‚aussuchen‘ dürfen." (Diljana Lambreva aus Sofia, DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2009)

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    grafik: der standard
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