Der Heilige

11. Februar 2009, 17:55
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Der Gottesfürchtige war jeden Tag hier gestanden. Und hatte minutenlang gebetet

Es war heute in der Früh. Da kam A. vom Hundausleeren zurück und sagte, dass sie sich langsam Sorgen mache. Nein, nicht wegen der Töle. Die sei so durchgeknallt wie immer. Aber der Beter, sagte A., der gehe ihr ab: Seit Wochen, sagte sie, sei er nicht mehr dort, wo wir ihn bisher mit uhrwerkartiger Präzision gesehen hatten. Jeden Tag in der Früh.

 

Um genau zu sein: Es war in den letzten Monaten eigentlich nur A. gewesen, die den gottesfürchtigen Mann gesehen hatte. Auch, weil ich zu anderen Zeiten Hundausleeren gehe. Und eine andere Route nehme: Die Wiese zwischen Pilgramgasse und Rüdigerhof ist nämlich kein Hundeklo. Behauptet ein Schild im Rasen. Und weil ich das ok finde, keine Lust habe, im Hundverbotsrasen in Hundescheisse zu steigen und es im Gras ohnehin mühsamer ist die Kacke ins Sackerl zu kriegen, gehe ich anderswo um den Block.

 

Habtachtstellung

 

An den Gottesfürchtigen aber kann ich mich trotzdem erinnern. Schließlich gibt es nicht all zu viele Menschen, die sich in aller Herrgottsfrüh in einer Hundekackwiese neben dem Frühverkehr in Habtachtstellung auf einen Kanaldeckel stellen, den Körper in Richtung Rosa-Lila-Villa drehen, sich x-fach bekreuzigen und dann minutenlang mit gefalteten Händen und sich unhörbar (aber das könnte auch am Verkehrslärm liegen) bewegenden Lippen da stehen.

 

 

Dass der Beter gar nicht in Richtung Villa betete, sah ich - glaube ich - erst beim zweiten Hinsehen. Denn die Heiligenstatue, die da mitten im Rasen steht hatte ich zuvor nie bewusst als ebensolche wahrgenommen. Dass Menschen sich vor Marterln oder Statuen bekreuzigen ist in der Stadt ja mittlerweile eher selten. Erst recht, wenn der Gläubige noch nicht im Rentneralter ist. Aber sogar am Land sind Leute, die gezielt jede Heiligenstatue anpeilen, stehenbleiben und vor ihr beten, heute rar. Zumindest in jenen ländlichen Regionen, in denen ich unterwegs bin.

 

Fixeinrichtung

 

Der Gottesfürchtige von der Pilgramgasse, lernten A. und ich dann von anderen Hundehaltern, ist hier aber eine fixe Einrichtung. Er kommt jeden Morgen. Immer zur gleichen Zeit. Und natürlich hat ihn noch nie jemand angesprochen: Jemanden, der betet, meditiert oder sonst wie sein Zentrum sucht, anzulabern, wäre wirklich unhöflich.

 

Irgendwann hatten wir uns dann an ihn gewöhnt: Der Mann trug Blouson, Anzughose und braune Schuhe. Seine Tasche stellte er vor der Andacht zackig und akkurat neben sich auf den Boden. Vor dem ersten Kreuzschlag verneigte er sich andeutungsweise. Nach dem Gebet kamen drei Kreuze und wieder eine Verneigung. Dann wurde die Tasche aufgenommen - und mit einer fast militärisch anmutenden 180-Grad Wendung, verließ er den Kanaldeckel vor der Heiligenstatue.

 

Heiliger Pilgram?

 

Erst nach Monaten fiel uns auf, dass wir nicht einmal wussten, zu wem der Gottesfürchtige da betete. Klar: Irgendein katholischer Heiliger. „Heiliger Pilgram" mutmaßte ich - und wurde umgehend belehrt, dass Herr Pilgram nur Dombaumeister gewesen sei. Und dass es neben der Gasse auch ein Pilgramfenster (im Dom) gibt. Und dass der gute Mann angeblich vom Teufel vom Turm geschubst worden sei. Weil er einen Pakt mit ihm geschlossen gehabt hätte: Für diabolische Stephansdom-Turmschnellbau-Hilfe verzichtete er auf das Anrufen der Jungfrau Maria. Doch blöderweise habe seine Freundin auch so geheißen - und einmal habe er sie gerufen, als sie an der Dombaustelle vorbeilief.

 

Der Meister rief, der Teufel stieß - und im Fall kam gerade noch ein „-hilf" dazu. Das „e" dürfte der Aufprall geschluckt haben. Oder so ähnlich. Wieso die Pilgramgasse dann aber in Margareten liegt, ist unklar. Sicher aber scheint, dass einer, der mit Luzifer kumpelt, nicht so rasch heiliggesprochen wird.

 

Gottloser Magistrat

 

Aber auf der Statue im Hundeacker steht halt auch kein Name. Oder sonst irgendein Hinweis. Auch bei benachbarten Würstelstand und im Rüdigerhof weiß keiner, zum der Gottesfürchtige da eigentlich betet („Wo ist da denn überhaupt eine Statue?"). Und dass Wiens magistratische Bezirksämter fest in der gottlosen Händen sind, lernt, wer ebendort anruft und nach Heiligen im Bezirk zu fragen. „Uije, das weiß vermutlich keiner hier." Aber immerhin wurde rundgefragt - wenn auch ohne Ergebnis. Vielleicht wisse ja die Gebietsbetreuung mehr.

 

Doch dann kam vom Schreibtisch nebenan der Hinweis auf ein Online-Suchergebnis: Nepomuk hieße der Mann. Jedenfalls sei das ja wohl die Statue. Und einen Klick später wussten wir, dass der Heilige Nepomuk nicht bloß Schutzpatron von Böhmen, sondern auch der Schutzpatron von Brücken, Beichtvätern, Beichtgeheimnissen und der Verschwiegenheit ist. Vielleicht, mutmaßte A., sei die Statue ja auch deshalb unbeschriftet.

 

Falls der Beter je wieder auftauchen sollte, sagte sie dann, werde sie ihm einen guten Morgen wünschen. Auch wenn das den guten Mann wohl ein wenig irritieren sollte. Aber schließlich gehöre sich ein gewisses Mindestmaß an Höflichkeit. Erst recht, wenn man erst merkt, dass man einander kennt, wenn der andere dann plötzlich nicht mehr da ist.(Thomas Rottenberg/derStandard.at, 12. Februar 2009)

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