"Von Eintagsfliegen hat keiner was"

11. Februar 2009, 19:06
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Persönliche Eigenschaften, gepaart mit kaufmännischem Talent: Elisabeth Zehetner von der WKÖ über Anforderungsprofil und Motive für Jungunternehmer

"In Krisenzeiten gibt es nichts, das sicherer als die Selbstständigkeit ist", behauptet Elisabeth Zehetner. Die Bundesgeschäftsfüherin der "Jungen Wirtschaft" und vom "Gründerservice" spricht im Interview mit derStandard.at über Anforderungsprofile für Jungunternehmer, Motive für die Selbstständigkeit und welche Forderungen die Wirtschaftskammer an die Adresse der Politik richtet. Die Fragen stellte Oliver Mark.

derStandard.at: Gibt es so etwas wie den "typischen" Jungunternehmer? Welche Eigenschaften sollte man unbedingt mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Zehetner: Zielstrebigkeit, Lust am eigenständigen Arbeiten und Motivation sind auf jeden Fall wichtige Voraussetzungen. Es kommt natürlich auf die jeweilige Branche an, danach variieren die Anforderungen. Wichtig sind auf der einen Seite persönliche Eigenschaften wie Risikobereitschaft und Eigenständigkeit. Auf der anderen Seite dürfen fachliche Qualifikationen, Branchenkenntnis und gewisse grundlegende kaufmännische Talente nicht fehlen.

derStandard.at: Was steht am Anfang der Unternehmensgründung? Reichen eine Idee und ein Business-Plan?

Zehetner: Es gibt spezielle Online-Tools für das Kaufmännische wie zum Beispiel die Mindestumsatzberechnung. Jeder kann sich damit ausrechnen, ob er von dem auch leben kann. Die Mindestumsatzberechnung ist weniger als ein Business-Plan. Dieser sollte für drei Jahre erstellt werden und ist weit mehr als nur eine Kostenaufstellung. Die Idee muss von unterschiedlichen Perspektiven angeschaut werden. Es geht um das Aufzeigen von Risiken, den Markt und darum die Mitbewerber zu durchleuchten.

derStandard.at: Ab welchem Alter bringt man im Schnitt das nötige Rüstzeug für die Selbstständigkeit mit?

Zehetner: Wir hatten im Jahr 2008 knapp über 30.000 Gründer. Von denen waren 2,1 Prozent unter 20 Jahre, 27,2 Prozent waren zwischen 20 und 30 Jahre, 32,6 Prozent zwischen 30 und 40 Jahre, 26,4 Prozent zwischen 40 und 50 Jahre, rund neun Prozent zwischen 50 und 60 Jahre und über 60 Jahre alt waren 2,4 Prozent. Die größte Gruppe ist im Alter zwischen 20 und 40 zu finden. Für Branchenerfahrung braucht man natürlich ein gewisses Alter und es ist sehr stark von der jeweiligen Ausbildung abhängig. Akademiker gehen später in die Selbstständigkeit als jene, die als höchste Berufsausbildung eine Lehre bzw. eine Meisterprüfung haben. Die Letztgenannten machen immerhin ein Drittel der Unternehmer aus.

derStandard.at: In Bezug auf spezifische Branchen: Wo sehen Sie momentan das meiste Potenzial für Jungunternehmer?

Zehetner: Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Als Beispiel: Obwohl es schon so viele gibt, sperren jedes Jahr neue Friseure auf. Unter diesen sind genügend, die sich aufgrund einer anderen Positionierung - etwa als Trend- oder Biofriseure - sehr gut etablieren. Genauso ist es in der IT-Branche oder im Bereich Biotechnologie. Das Um und Auf ist, sich zu überlegen, was ist mein USP (Anm: Unique Selling Proposition). Man soll sich die Frage stellen: Was macht mich einzigartig am Markt und warum kommen die Kunden gerade zu mir? Wenn es eine eindeutige Antwort drauf gibt, dann habe ich in jeder Branche eine Chance.

derStandard.at: Und vice versa: In welchen Sparten lohnen sich Investitionen nicht?

Zehetner: Von Gründungen abraten würde ich momentan nur in Bereichen, die wirklich besonders krisengeschüttelt sind wie etwa die Automotiv-Branche. Das wird sich aber in ein, zwei Jahren auch wieder vollkommen normalisieren. Meine These ist, dass es in Krisenzeiten nichts gibt, das sicherer als die Selbstständigkeit ist, weil ich hier selbst für mich die Verantwortung übernehme. Wenn ich bei Swarovski beschäftigt bin, dann kann ich nur schwer beeinflussen, ob ich unter den 150 gekündigten Personen bin oder nicht.

derStandard.at: 2008 sind rund 30.000 Unternehmen gegründet worden. Wird diese Zahl aufgrund der Wirtschaftskrise zurückgehen?

Zehetner: Anhand der Anzahl der Beratungen im Gründerservice erwarten wir keinen Rückgang. Im Jänner hat es zum Beispiel keinen Einbruch gegeben, daher gehen wir davon aus, dass es wieder um die 30.000 neue Betriebe sein werden. Die Zahl alleine ist aber nicht entscheidend. Die Firmen sollen möglichst lange bestehen bleiben. Nach fünf Jahren sind immer noch mehr als 70 Prozent der Betriebe am Markt. Das ist der wesentlich wichtigere Faktor. Wir wollen keinen reinen Gründerboom. Von Eintagsfliegen, die in einem finanziellen Fiasko enden, hat keiner etwas.

derStandard.at: Wenn einem die Idee für eine Marktnische fehlt, kann man immer noch mit einer Betriebsnachfolge oder mit Franchising spekulieren. Wie häufig wird das in Anspruch genommen?

Zehetner: Eine Betriebsnachfolge machen in Österreich etwa 6.000 Personen pro Jahr. Die Motive für die Übergabe sind ganz unterschiedlich, etwa Pensionierung, Verkauf oder Krankheit. Da hat man den Vorteil, auf einen bestehenden Kunden- und Lieferantenstock und der Marke aufbauen zu können. Im Internet stehen über 1.000 Betriebe, die einen Nachfolger suchen.

Es gibt auch die Alternative des Franchisings, wie zum Beispiel McDonalds, wo man ein erprobtes Unternehmenskonzept hat und nicht selbst die zündende Idee braucht. Mit einer gewissen Gebühr pro Jahr steige ich in eine Franchise-Kette ein und betreibe auf eigenständiger Basis einen Standort in Österreich. Es gibt eine eigene Franchise-Börse, wo alle Betriebe, die Lizenznehmer suchen, aufgelistet sind.

derStandard.at: Was sind die Hauptmotive, um sich selbstständig zu machen? Das höhere Einkommen oder ein Mehr an Flexibilität?

Zehetner: Laut einer Umfrage unter Unternehmern rangieren bessere Zukunfts- und Einkommenschancen mit 66 Prozent ganz klar an der ersten Stelle. Mit 55 Prozent ist einfach der Wunsch nach Selbstständigkeit das zweitwichtigste Motiv. Nach dem Motto: "Lieber Chef sein, als einen zu haben." Bei Frauen kommt der Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Kindern knapp dahinter. Ein Vorteil besteht in der flexibleren Zeiteinteilung.

derStandard.at: Der Frauenanteil bei Unternehmensgründungen liegt bei knapp über 40 Prozent. Gibt es konkrete Maßnahmen, um bald ein egalitäres Verhältnis zu haben?

Zehetner: Von Seiten der Wirtschaftskammer versuchen wir, frauenspezifische Angebote zu machen. Wir betreiben zum Beispiel mit der Akademie für Kleinstunternehmerinnen eine eigene Ausbildungsstätte. Hier bieten wir spezielle Coachings an, sowohl auf der betriebswirtschaftlichen Basis als auch beim Thema Verkauf. Es kommt oft vor, dass Frauen eine gute Serviceleistung unter ihrem eigentlichen Wert verkaufen oder die Kundenberatung nicht mitverrechnen.

derStandard.at: Welche Forderungen hat die Wirtschaftskammer zum Beispiel bei den Beschäftigungsverhältnissen, um den Gang in die Selbstständigkeit noch zu erleichtern?

Zehetner: Sehr wichtig ist momentan die rasche und unbürokratische Vergabe der Mikrokredite, die sich zwischen 10.000 und 30.000 Euro abspielen. Hier sehen wir auf jeden Fall Handlungsbedarf. Weiters fordern wir, dass die Arbeitslosenversicherung kostenlos auf jene ausgeweitet wird, die direkt nach der Ausbildung in die Selbstständigkeit starten. Im Gegensatz zu jetzt sollten sie in den ersten drei Jahren gratis versichert sein. Mut sollte in Form eines Sicherheitsnetzes honoriert werden. Die dritte Forderung für Jungunternehmer ist beim Wachstum angesiedelt. Wenn man bereit ist, jemanden einzustellen, dann soll es für den ersten Mitarbeiter eine einjährige Befreiung von den Lohnnebenkosten geben.

derStandard.at: Viele potenzielle Unternehmer beklagen den undurchsichtigen Dschungel an verschiedenen Fördermodellen und bürokratische Hürden. Wo soll man nachjustieren?

Zehetner: Finanzierungsförderungen kann es nie genug geben. Wichtig ist, dass jene, die sich für die Förderungen interessieren, rechtzeitig zu uns kommen. Eine Subvention kann nicht im Nachhinein gewährt werden. Weil das Thema Förderungen sehr komplex ist und es verschiedene, etwa auch bundesländerspezifische Instrumente gibt, haben wir eine eigene Datenbank, wo je nach Branche oder Betrieb alle infrage kommenden Unterstützungen angezeigt werden.

Das Problem ist, dass teilweise dermaßen viele Unterlagen und Formulare angefertigt werden müssen. Es stellt sich oft die Frage, ob es sich überhaupt auszahlt, ein paar tausend Euro an Förderung anzuzapfen, wenn man so viel Zeit investieren muss, damit man die Unterlagen überhaupt einreichen kann. Wenn es um Mikrokredite geht, dann muss auch der Antrag mikro sein und nicht so, als wenn es um ein Investitionsvolumen von 300.000 Millionen Euro gehen würde. (derStandard.at, 11.2.2009)

 

  • Elisabeth Zehetner.
    foto: wirtschaftskammer

    Elisabeth Zehetner.

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