"Frauen nicht ein zweites Mal entmachten"

11. Februar 2009, 18:56
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Birgit Sauer, Mitherausgeberin des Buches "Zwangsfreiheiten", über die Frauenanliegen rechter Parteien und ihre eigenen nach mehr "Klasse" statt "Kultur"

Es ist ein schmaler Grad, so Birgit Sauer über ihre Auseinandersetzung zum Thema Gewalt an Frauen. In ihrem Text "Gewalt, Geschlecht, Kultur" aus dem Buch "Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus." (Mehr dazu:"Sind keine Castingagentur für Opfer") verweist sie auf die Gefahren eines eingeschränkten Gewaltbegriffs. Ohne Praktiken wie Genitalbeschneidung oder Zwangsheirat zu bagatellisieren, warnt sie vor einem Generalverdacht gegenüber Einwanderungsgruppen, der "von Gewalt betroffene Frauen ein zweites Mal entmachten". Beate Hausbichler sprach mit Birgit Sauer über den sich ständig wandelnden Kulturbegriff, die fehlende Repräsentation von Migrantinnnen und warum sich rechte Parteien plötzlich verstärkt um Frauenrechte sorgen.

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dieStandard.at: Sie plädieren in ihrem Aufsatz für einen intersektionellen Gewaltbegriff. Was bedeutet das?

Birgit Sauer: Die gesamte Debatte um MigrantInnen und Gewalt läuft sehr polarisierend ab. Da MigrantInnen einfach aus einer gewalttätigen Kultur kommen würden, müsse man entweder die Kultur verändern oder sie rausschmeißen, oder was auch immer die Phantasien sind. Mein Ausgangspunkt war ein feministischer Gewaltbegriff, also dass die strukturelle Grundlage für Gewalt gegen Frauen die Geschlechterverhältnisse sind. Mein Plädoyer war, dass noch andere Gewaltstrukturen berücksichtigt werden müssen, die Frauen noch mal verletzlicher machen. Zum Beispiel Aufenthaltsrechte, die Frauen noch abhängiger vom Ehemann machen können. Wenn diese Frauen Gewalt erfahren, kommen sie schlechter aus diesen Gewaltstrukturen raus.

dieStandard.at: Also auch aufgrund von institutionalisierter Gewalt?

Birgit Sauer: Genau. Man muss sich auch noch anschauen, wie es mit der sozialen Schicht aussieht, mit Nationalität oder Ethnizität. Frauen, die schlecht ausgebildet oder die migriert sind, sind noch mal ganz anders von Gewalt betroffen. Ich wollte deutlich machen, dass es unterschiedliche Gewaltstrukturen gibt, die interagieren. Die Frauenbewegung hat es geschafft, Geschlechtergewalt für die Mehrheitsgesellschaft zu skandalisieren. Möglicherweise gibt es irgendwann auch eine Gruppe von Migrantinnen, die es schafft, eine ganz bestimmte Form von Gewalttätigkeit in Familien wieder ganz anderes zu thematisieren.

dieStandard.at: Warum werden gerade Frauenrechte in Verbindung mit Migration - auch von rechten Parteien - so häufig thematisiert?

Birgit Sauer: Seit den islamistischen Attentaten 2001 hat sich die Einstellung gegenüber dem Islam geändert. Der Islam und der politische Islamismus werden immer wieder gleichgesetzt. Die rechten Parteien arbeiten immer mit dem Muster "Wir und die Anderen". Deren Intention ist aber auf alle Fälle eine restriktivere Migrationspolitik. Sie wollen einfach keine MigrantInnen in Österreich, in Dänemark oder der Schweiz, wo es eben solche starken Rechtsparteien gibt. Aus der Perspektive dieser Parteien kann man dieses "Wir und die Anderen" besonders gut an Frauen sichtbar machen, sie instrumentalisieren Frauen um deutlich zu machen, dass migrantische Gruppen nicht zur österreichischen Kultur passen. Mit welchen Beispielen das belegt wird, ist diesen Parteien egal. Es ist ein reines Instrumentalisierungsverhältnis und es geht nicht um die Gleichstellung von Frauen. Auf der anderen Seite möchten aber auch migrantische Communities Differenzen sichtbar machen. An diesem Prozess zeigt sich auch, dass Frauen eine überhöhte symbolische Bedeutung zukommt. Deshalb werden sie oftmals dazu benutzt, um die Grenzen der Communities sichtbar zu machen.

dieStandard.at: Sie fordern in Ihrem Beitrag eine verstärkte Repräsentation von Migrantinnen in "klassischen politischen Institutionen". Die einzige medienpräsente Muslimin ist die Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft Carla Baghajati. Sie ist eine gut ausgebildete Mitteleuropäerin, die erst als Erwachsene konvertiert ist. Kann sie Musliminnen in ihrem "druckreifen Hochdeutsch" - wie die "Zeit" mal ihre Aussprache beschrieb - ausreichend repräsentieren?

Birgit Sauer: Es ist gut, dass für die islamische Glaubensgemeinschaft eine eloquente, gebildete Frau spricht. Die österreichisch-islamische Religionsgemeinschaft repräsentiert aber überhaupt nur eine sehr kleine Gruppe. Viele sind dadurch nicht repräsentiert und wollen sich auch nicht durch eine religiöse Gemeinschaft repräsentieren lassen. Was man daran aber sehen kann ist, dass es überhaupt keine Einrichtungen und Institutionen auf der Mainstream-Medien Ebene und auf politischer Ebene gibt, wo migrantische oder muslimische Frauen eine Stimme haben. Sieht man sich die Medien an und fragt "wer spricht", dann ist es wirklich meist Carla Baghajati, ansonsten wird über Migrantinnen oder Musliminnen gesprochen. Es gibt also überhaupt kein Forum, indem sich Migranten und Migrantinnen artikulieren können.
dieStandard.at: Zum Thema "Stimme von Migrantinnen". Bei der Buchpräsentation wurden autobiographische Bücher wie "Ich klage an" von Ayaan Hirsi Ali mehrmals kritisiert. Wo liegt das Problem?

Birgit Sauer: Einerseits kann man schon sagen, dass diese Berichte für die Diskussion wertvoll sind. Etwa um Einblick zu bekommen, was passieren kann und was passiert und vielleicht auch, wie man da raus kommen kann.
Das Problem aber ist, dass in solchen Berichten immer so getan wird, als sei das das Schicksal aller Frauen, etwas, was Frauen erdulden müssen und wo es nur einen Weg gibt: Raus aus der Religion, raus aus der Kultur. Die Vorstellung von Befreiung, von Emanzipation ist dann immer ein totaler Exit. Das schlagen diese Autorinnen vor, weil sie das Ideal einer säkularen, westlichen Gesellschaft haben, in der dann alles gut wird. Wenn man bei diesem Bild "Exit" bleibt, muss schon auch gefragt werden: wo kommt man denn dann eigentlich hin? Für viele ist das keine Lösung. Solche Berichte generalisieren, "ich hab das erfahren, bin dann den westlichen Weg gegangen und deshalb habe ich das Recht, euch allen zu sagen, dass ihr verblendet seid und ein falsches Bewusstsein habt". Das trifft einfach die Realität von ganz vielen Frauen nicht.

dieStandard.at: Das Argument, dass "bei uns" auch einiges im Argen liegt, ist ein Versuch, Praktiken von Minderheitsgesellschaften unter Berücksichtigung der eigenen Normen zu sehen. Ein Gegenargument ist, dass das Kulturrelativismus wäre. Dieser negiere Probleme, wie etwa eine doppelte Diskriminierung (zum Beispiel: Kopftuch und westliches Schönheitsideal). Was ist Ihre Position dazu?

Birgit Sauer: Körperliche Unversehrtheit und Autonomie sind universelle Werte, von denen ich bitte will, dass sie durchgesetzt werden. Aber beim Begriff Autonomie wird es ja schon schwierig zu klären, was das überhaupt bedeutet. Da ist es überhaupt nicht kulturrelativistisch zu sagen, dass es einfach Milieus gibt - um den Begriff Kultur zu vermeiden - wo es Standards oder Tabus gibt, wie man sich kleidet. In Österreich sind etwa die Brüste von Frauen wahnsinnig sexualisiert, deshalb laufen wir auch nicht im Sommer barbusig auf der Strasse herum, sondern bedecken uns. Jetzt kann ich sagen, das schränkt aber meine Autonomie ein - denn Männer müssen das nicht. In manchen Religionen sind die Haare sexualisiert, weshalb sich religiöse Frauen die Haare verhüllen wollen. Ich finde, so etwas kann man schon vergleichen.
Freiheit und Autonomie sind universelle Standards und ich will das Recht haben, über die Tabus zu reflektieren, die mein eigenes Milieu hat. Da kommen auch Fragen der Bildung oder der Geschmacksbildung hinzu. Wo man aber das Argument des Kulturrelativismus ausschalten kann, ist, dass es bemerkenswert ist, dass man sich immer diese Vorstellung von Kultur herausholt als das, was zählt und was unterscheidet. Es ist ein großes Problem, dass Kultur und nicht die Frage von Klasse oder sozialer Schicht hervorgehoben wird. Wir wollen in dem Buch deutlich machen, dass es unterschiedliche Positionierungen gibt, die alle wichtig sind und wir können nicht einfach sagen "naja - die Kultur ist halt schuld".

dieStandard.at: Also sie plädieren für die Begriffe "Klassen", "Schichten" oder "Milieus" anstelle von "Kultur"?

Birgit Sauer: Ja. Kultur ist ein unpräziser Begriff, der sich immer wieder verändert. In der ganzen Diskussion um Migrantinnen und Migranten geht man immer davon aus, dass "die" Kultur haben, aber halt ein schlechte. Eine vormoderne, eine gewalttätige, eine patriarchale Kultur. Als hätte die Mehrheitsgesellschaft keine Kultur in diesem Sinne, als gäbe es überhaupt keine Tabus oder Vorstellungen wie man mit dem Körper umgehen muss oder ähnliches. Dieser komische Kulturbegriff hilft meiner Meinung nach auch überhaupt nicht weiter. Es ist nicht "die Kultur", sondern es sind patriarchale Verhältnisse. Anne Phillips hat mal gesagt, was die patriarchalen Verhältnisse betrifft, geht es vielmehr um Ähnlichkeiten als um Unterschiede zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft.

(Beate Hausbichler, dieStandard.at, 11.2.2009)

Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Unter anderem ist sie auch Sprecherin und Mitglied der "Faculty" des Gender Kollegs an der Universität Wien (seit 2003) und Mitglied der Ethik-Kommission der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (seit 2001).

 

Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus
Hrsg. von Birgit Sauer und Sabine Strasser
Promedia Verlag, ca. 280 Seiten
ISBN 978-3-85371-283-2

  • Birgit Sauer: "Die rechten Parteien arbeiten immer mit dem Muster "Wir und die Anderen".
    foto: birgit sauer

    Birgit Sauer: "Die rechten Parteien arbeiten immer mit dem Muster "Wir und die Anderen".

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