Die Dornen im Rosengarten

11. Februar 2009, 11:45
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20.30 Uhr: Österreichs Fußballteam muss nicht nur in Graz gegen Schweden bei null beginnen. Das Ziel für 2009 lautet, das Stottern abzustellen

Graz - Teamchef Karel Brückner glaubt nicht an Wunder. Eine ausführliche Begründung für diese innere Einstellung, die seit seiner Tätigkeit in Österreich gefestigt und nahezu einzementiert wurde, hat der 69-jährige Tscheche in Graz nicht geliefert. Brückner lehnt öffentliches Reden ab, ihn widert es förmlich an, wobei ihm dann ein Satz entwischt ist, der von bleibender Schönheit sein dürfte: "Ich glaube an die Arbeit, denn der Fußball ist kein Spaziergang durch einen Rosengarten."

Das passt. Spätestens am Tag vor dem möglicherweise dornigen Länderspiel gegen Schweden hat Brückner sein Engagement gerechtfertigt. Es ist kleinlich, ihn nur an Niederlagen und der praktisch vergeigten WM-Qualifikation zu messen. Das hätten auch andere Trainer geschafft. Vielleicht nicht ganz so spektakulär. Brückner: "Wir müssen auf dem Platz sprechen. Wir brauchen ein gutes Ergebnis, wir brauchen eine gute Leistung, wir brauchen keine Abwehrfehler. Wir müssen wollen." Und er erzählte über die Stärken der Schweden, ihre Kompaktheit, ihre Kampfkraft, ihr 4-4-2-System und darüber, dass das Fehlen der tollen Stürmer Zlatan Ibrahimovic und Johan Elmander die Chancen der Österreicher nicht mindere. "Aber Trainer Lars Lagerbäck wird sie irgendwie ersetzen."

Das österreichische Nationalteam muss 2009 das Sprechen neu erlernen. Auf dem Platz. Oder im Rosengarten. Das Stottern sollte schleunigst abgestellt werden, die Selbstheilung beginnen. Ein 0:2 in Litauen, ein 1:1 gegen die Färöer, das 1:3 gegen Serbien und das freundschaftliche 2:4 gegen die Türkei hat es nie gegeben. Spitzensport lebt von der Gabe, sich selbst zu belügen. Natürlich könnte nun erwidert werden, dies gelte zwar für den Spitzensport, aber wie soll denn das gebeutelte ÖFB-Team gesunden? Brückners Antwort: "Wir müssen wollen."

Diesen Willen hat Kapitän Andreas Ivanschitz grob skizziert. Der Reservist von Panathinaikos Athen wiederholt sich vor jedem Länderspiel, dafür kann er aber nichts, es mangelt an Alternativen. Nun steht wenigstens das erste Match einer Saison an, da ist man quasi unbelastet, kann ungestraft in die Runde schmeißen: "Wir sind hungrig. Wir wollen gewinnen. Wir beginnen bei null. Wir müssen die Qualitäten, die durchaus vorhanden sind, endlich zeigen. Jeder freut sich auf Schweden, die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig."
Elend und Glück

Ivanschitz verkörpert das österreichische Elend, in Athen kämpft er gegen Windmühlen an, der Trainer lässt und lässt ihn nicht kicken. Deshalb ist Ivanschitz Brückner zu Dank verpflichtet. "Er setzt auf mich." Einen Vereinswechsel hat er nicht erwogen. "Ich haben einen Vierjahresvertrag, wollte keinen Schnellschuss. Bis Sommer muss ich geduldig bleiben. Ich muss mich aufdrängen."

Es gibt freilich auch glückliche österreichische Fußballer, zum Beispiel Außenverteidiger Andreas Ibertsberger, der als Stammspieler mit Hoffenheim Tabellenführer in Deutschland ist. Sein Leben findet im Rosengarten statt.

"Im Fußball ist alles möglich", sagt Ibertsberger, aber er schränkt ein. "Hoffenheim ist aufs Nationalteam nicht ganz übertragbar." Gegen Schweden wird er nur 45 Minuten lang arbeiten, das ist mit Vereinstrainer Ralf Rangnick so ausverhandelt. Der ÖFB lehnt es ab, sich künstliche Feinde zu schaffen, die natürlichen reichen allemal. Die meisten Legionäre werden nicht die vollen 90 Minuten bestreiten, Ivanschitz ist die Ausnahme, er hätte sogar Lust auf dreieinhalb Stunden Praxis.

Brückner hat die Aufstellung natürlich nicht preisgegeben. Das Abschlusstraining fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, nicht aber unter Ausschluss der Experten der nationalen Anti-Dopingagentur (Nada). Ronald Gercaliu, Ivanschitz, Marc Janko, Sebastian Prödl, Jürgen Säumel und Paul Scharner wurden getestet. Letzterer wegen seiner Verkühlung allerdings im Teamhotel. (Christian Hackl; DER STANDARD Printausgabe 11. Februar 2009)

 

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    Nicht zum Lustwandeln, zum Training schickte Karel Brückner die Teamspieler in Graz. Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, nur die Doping-Jäger konnten nicht ausgesperrt werden.

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