Österreich schreibt Therapiegeschichte

11. Februar 2009, 23:10
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Fortschritt der Erkrankung wird um mehr als ein Drittel reduziert - Zusätzlicher Anti-Tumor-Effekt

Wien/Boston - Höchste "Weihen" für eine medizinische Entwicklung aus Österreich. Was heimische Experten im vergangenen Frühjahr bei weltgrößten Krebskongress ASCO in Chicago präsentierten, publizieren sie in der neuesten Ausgabe der angesehensten Medizin-Fachzeitschrift der Welt, des New England Journal of Medicine: Die Erkenntnis, dass die zusätzliche Gabe eines Osteoporose-Medikaments (Bisphosphonat) zu einer Antihormon-Therapie bei Frauen mit Brustkrebs die Häufigkeit eines Fortschreitens der Erkrankung um mehr als ein Drittel reduziert.

Wirkung auch für Frühstadium

Der Clou daran: Diese zusätzliche Anti-Tumor-Wirkung des Medikaments könnte in Zukunft verwendet werden, um schon im Frühstadium einer solchen Krebserkrankung "schlafende" Tumorzellen im Knochemark zu schädigen. Sie zu attackieren, war bisher besonders schwierig.
In dem Journal (12. Februar) werden die Endergebnisse einer Untersuchung der Studiengruppe für Brust- und Dickdarmkrebs (ABCSG-12) veröffentlicht.

"Begonnen hat es im Jahr 1999. Damals haben wir mit der ABCSG-Studie 5 zeigen können, dass bei Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium, der Östrogen-Hormon-abhängig ist, eine antihormonelle Therapie besser wirkt als die herkömmliche Chemotherapie", hatte Erstautor Michael Gnant (Universitätsklinik für Chirurgie der MedUni Wien am AKH) nach der Präsentation der Untersuchung zur Geschichte der Angelegenheit erklärt.

Künstlicher "Wechsel"

Erzielt wurde das, indem man die betroffenen Frauen durch die regelmäßige Einnahme des Medikaments Goserelin künstlich in den "Wechsel" brachte und zusätzlich drei Jahre mit dem Hormon-Rezeptor-Blocker Tamoxifen behandelte. Doch wenig später gab es die sogenannten Aromatase-Hemmer, welche die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone noch stärker unterdrücken. Gleichzeitig verursachten sie aber ein Osteoporoseproblem für Behandelte.

Teilnahme von 65 Zentren

Deshalb begannen die österreichischen Wissenschafter mit einer neuen Studie. An ihr nahmen rund 65 Zentren in ganz Österreich teil. Es ging erstens um die Frage, ob der Aromatasehemmer Anastrozol bei jungen Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium besser wirken würde als Tamoxifen. Gleichzeitig sollte überprüft werden, ob die zusätzliche Einnahme des Bisphosphonats Zoledronat wirksam ist. Bisphosphonate werden zur Behandlung der Osteoporose seit Jahren erfolgreich eingesetzt.

1.803 Patientinnen wurden drei Jahre lang behandelt. Dies erfolgte in vier Gruppen: Ein Viertel der Patientinnen bekam Goserelin und Tamoxifen, ein weiteres Viertel Goserelin und Anastrozol. Unter den Tamoxifen- und den Anastrozol-Benutzerinnen erhielt jeweils die Hälfte zusätzlich noch das Bisphosphonat (Zoledronat als Infusion zweimal jährlich zu je vier Milligramm). Die Beobachtungsdauer betrug insgesamt durchschnittlich fünf Jahre.

Die Ergebnisse

Die antihormonelle Behandlung mit dem Aromatase-Hemmer ist für diese Frauen nicht besser als jene mit Tamoxifen. Aber: Das Osteoporose-Medikament hat offenbar auch eine deutliche zusätzliche Anti-Tumor-Wirkung. Es kam um 36 Prozent seltener zu einem Fortschreiten der Erkrankung (absolut eine Reduktion um 3,2 Prozentpunkte). Das war statistisch hoch signifikant. Die Häufigkeit von Rezidiven (neuerliches Auftreten eines Karzinoms) an der Brust halbierte sich laut den ursprünglichen bei dem Kongress präsentierten Daten von 20 auf zehn Prozent. Auch die Häufigkeit von Fernmetastasen reduzierte sich demnach um rund 35 Prozent.

Dachte man ehemals, dass Bisphosphonate als klassische Osteoporose-Medikamente bei Krebskranken vor allem über die Verhinderung von Knochenmetastasen wirken würden, so sprechen die Ergebnisse der österreichischen Wissenschafter für einen zusätzlichen Anti-Tumor-Effekt. (APA)

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