Eiskalt an die Spitze

11. Februar 2009, 11:27
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Eva Pawlik, Europameisterin im Eiskunstlauf, Eisrevuestar und erste Sportkommentatorin des deutschsprachigen Fernsehens, soll posthum zu höchsten internationalen Ehren gelangen

Es war eine Sternstunde für den österreichischen Eislaufsport, als die Wienerin Eva Pawlik am 29. Jänner 1949 trotz einer akuten Blinddarmentzündung in Mailand die Europameisterschaft im Eiskunstlauf in Pflicht und Kür gewann. Für die gestrenge Jury der "World Figure Skating Hall Of Fame" in Colorado Springs war das nur eines der Kriterien, die beliebte Eiskunstläuferin nun posthum, 60 Jahre nach ihrem großen Sieg, auf ihre Nominierten-Liste für 2009 zu setzen.

Ob die Österreicherin schon demnächst zur elitären Gruppe der dort aufgenommenen herausragenden internationalen Eiskunstlaufstars gehört, wird bei der Eiskunstlauf-WM von 23. bis 29. März 2009 in Los Angeles verlautbart werden. Die großartigen Leistungen der beliebten - wegen ihres außergewöhnlich graziösen Laufstils auch "Pawlowa des Eises" genannte - Sportlerin, Eisrevue-Königin und Sportkommentatorin sprechen jedenfalls dafür: Will Petter, der Regisseur und Gründer der Wiener Eisrevue, nannte Eva Pawlik die "zuverlässigste", für das Wiener Eislaufpublikum war sie die graziöseste und beliebteste und Morris Chalfen, der damalige Boss von Holiday on Ice, verlieh ihr das Prädikat "perfekteste" Eisläuferin Europas.

Eisfloh auf dem Heumarkt

Ihre Karriere begann Eva Pawlik als "Eisfloh" beim Wiener Eislaufverein auf dem Heumarkt. 1939 wurde sie deutsche Jugendmeisterin, der ausbrechende Krieg stoppte jedoch zunächst den Beginn einer internationalen Karriere als Einzelläuferin. 1946 bis 1949 war Pawlik österreichische Meisterin; der Antritt bei der Europa- und Weltmeisterschaft 1947 blieb ihr jedoch verwehrt, weil Österreich damals von der Internationalen Eislauf-Vereinigung (IEV) noch nicht zu den Meisterschaften zugelassen war. Die IEV vertrat den Standpunkt, dass österreichische EissportlerInnen erst dann an internationalen Konkurrenzen teilnehmen dürften, wenn die Besatzungstruppen Österreich verlassen hätten, lenkte aber schließlich ein.

Bei der Europameisterschaft 1948 wurde Pawlik bereits Zweite und damit beste Europäerin hinter der Kanadierin Barbara Ann Scott (diese konnte damals als „Verbeugung vor den Siegerstaaten" bei der EM starten); ebenso bei der Weltmeisterschaft in Davos und bei den Olympischen Spielen in St. Moritz. Ihr Name ging damals in wenigen Wochen um die ganze Welt.

Angebot aus Hollywood

Von Juli bis November 1948 war Eva Pawlik in den USA und erhielt dort ihre ersten Eisrevue- und Filmangebote, unter anderem für einen Hollywood-Film mit Gene Kelly. "Aber ich wollte wenigstens noch Europameisterin werden, bevor ich den Verlockungen der Eisrevue erlag", berichtete Pawlik später in einem Zeitungsinterview. Am 29. Jänner 1949 sollte dieser Wunsch bei der EM in Mailand in Erfüllung gehen. Bei der WM in Paris im selben Jahr hingegen konnte sie wegen des Bruchs eines Absatzes zur Kür nicht mehr antreten - ob Sabotage oder ein Missgeschick dahinter steckten, konnte nicht geklärt werden.

Konkurrenzlose Eiskönigin

Es sollte dies ihre letzte Meisterschaft in ihrer Amateurkarriere sein, denn noch 1949 wechselte Eva Pawlik als gefeierte Solistin zur "Wiener Eisrevue", der Konkurrentin von "Holiday on Ice" in Europa. Dort tanzte sie gemeinsam mit ihrem Eispartner und - ab 1957 - Ehemann Rudi Seeliger mit zweijähriger Unterbrechung bis zum freiwilligen Ende ihrer Eiskarriere 1961 und blieb bis dahin konkurrenzlose "Eiskönigin".

Ihr schauspielerisches Talent konnte Eva Pawlik nicht nur auf dem eisigen Parkett, sondern auch in Filmen mit der Wiener Eisrevue unter Beweis stellen: erstmals 1950 in "Frühling auf dem Eis" als Partnerin von Hans Holt, dann in der "Traumrevue" (1959) an der Seite von Waltraut Haas. 1954 promovierte Eva Pawlik außerdem in den Fächern Anglistik und Germanistik an der Universität Wien zum Doktor der Philosophie, was für eine Sportlerin von Weltgeltung und einen gefeierten Revuestar damals eine Sensation war. In den 1970er-Jahren arbeitete Pawlik auch als Englisch- und Deutschlehrerin an einem Wiener Gymnasium.

Der ORF ruft

1962 brachte Eva Pawlik ihren Sohn Roman zur Welt. Im darauffolgenden Jahr begann sie ihre Laufbahn als erste Sportkommentatorin des deutschsprachigen Fernsehens. Sie kommentierte bis 1972 mit viel Erfolg sämtliche Übertragungen von Eiskunstlaufmeisterschaften für den ORF und schrieb Sportkommentare für diverse Zeitungen. Pawliks gar nicht beschönigende Art erregte in Österreich Aufsehen: Sie sprach ihre Meinung klar aus und schreckte auch nicht davor zurück, die Entscheidungen des Preisgerichts gegebenenfalls zu kritisieren, was das Fernsehpublikum ihr hoch anrechnete.

Am 31. Juli 1983 starb die große Eiskunstläuferin erst 55-jährig nach schwerer Krankheit, und nur wenige Wochen nach ihrem Mann Rudi Seeliger, in Wien. (isa/dieStandard.at, 11.2.2009)

Eva Pawlik (1927-1983)

Österreichische Meisterin im Eiskunstlauf von 1946 bis 1949
Europameisterin 1949 (vor der Weltmeisterin desselben Jahres)
Olympiazweite und WM-Zweite 1948

Star der Wiener Eisrevue und der Scala Eisrevue von 1949 bis 1961 als Einzelläuferin und als Paarläuferin, gemeinsam mit ihrem Ehemann Rudi Seeliger

Filmstar als Eiskunstläuferin und Schauspielerin ("Frühling auf dem Eis", 1950; "Traumrevue", 1959)

Erste Sportkommentatorin des deutschsprachigen Fernsehens (beim ORF) von 1963 bis 1972

Videos mit Eva Pawlik

Links:

http://evapawlik.npage.at

World Skating Hall of Fame

  • Eva Pawlik wie sie das Publikum liebte - ob als Europameisterin, Revuestar, Schauspielerin oder Sportkommentatorin
    foto: privatarchiv roman seeliger

    Eva Pawlik wie sie das Publikum liebte - ob als Europameisterin, Revuestar, Schauspielerin oder Sportkommentatorin

  • Die "Eiskönigin", kurz vor ihrem Abschied von der Wiener Eisrevue (1961)
    foto: privatarchiv roman seeliger

    Die "Eiskönigin", kurz vor ihrem Abschied von der Wiener Eisrevue (1961)

  • Die Eiskunstläuferin mit ihrem Eis- und Lebenspartner Rudi Seeliger
    foto: privatarchiv roman seeliger

    Die Eiskunstläuferin mit ihrem Eis- und Lebenspartner Rudi Seeliger

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