Verräter und politisches Werkzeug

10. Februar 2009, 20:37
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Viele Kommunisten wurden V-Leute der Gestapo - gezwungen durch Erpressung oder Folter - In seiner Studie bringt der Historiker Hans Schafranek neue Fakten über die Spitzel ans Tageslicht

Karl Zwifelhofer war Spitzenfunktionär der österreichischen KP und so etwas wie ein Berufsrevolutionär. Im Spanischen Bürgerkrieg leitete er das Kaderbüro in Albacete, 1938 sollte er in Österreich die illegale KP wieder aufbauen. Wenige kannten das internationale Netzwerk des kommunistischen Widerstands gegen das NS-Regime so gut wie er. Was ihn auch für die Nazis zu einem begehrten Objekt machte.

1941 wurde Zwifelhofer verhaftet und zum Tod verurteilt, nach zwei Wochen jedoch zur Gestapo "rücküberstellt". In der Folge hat er nicht nur sein umfangreiches Wissen über die internationalen Verbindungen der Kommunistischen Partei preisgegeben, sondern als "Zellenspitzel" auch 73 inhaftierte Kommunisten, die trotz Folter nicht ausgesagt hatten, zum Sprechen gebracht.

Wie konnte es zu diesem Verrat kommen? Folter? Erpressung? Beides? Genaues weiß man zwar nicht, sicher ist nur, dass "die Gestapo ihm quasi das Leben gerettet hat, um ihn erpressbar zu machen", berichtet der Historiker Hans Schafranek vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. "Bis zum Kriegsende ersuchte sie mehrmals um Aufschub der Vollstreckung, um möglichst viele Informationen aus ihm herauszupressen."

Karl Zwifelhofer war einer der ergiebigsten V-Leute der Gestapo. In seiner aktuellen vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Arbeit widmet sich Schafranek diesen bislang kaum erforschten Informationslieferanten des NS-Regimes. Im Gegensatz zu den Denunzianten, die ohne Auftrag und häufig aus Habgier und Ressentiments gegen Personen aus dem persönlichen Umfeld handelten, wurden V-Leute hauptsächlich beim Aufspüren, Verfolgen und Zerschlagen des organisierten politischen Widerstands eingesetzt.

"Ohne die meist unfreiwillige Mitarbeit dieser Konfidenten hätte die Gestapo politische Gegner niemals so effizient bekämpfen können", weiß Hans Schafranek nach langen Recherchen in österreichischen und deutschen Archiven.

Gute Quellenlage

Für seine vergleichende Untersuchung von Konfidentennetzen der Gestapo hat er die Leitstellen Wien und Düsseldorf ausgewählt, "weil die Quellenlage für beide Städte sehr gut ist und weil es in beiden Regionen einen starken kommunistischen Widerstand vor der Machtergreifung der Nazis gab".

Wie bei den Denunzianten hat Wien auch im Bereich der V-Leute eine Vorreiterrolle eingenommen: "Es wurde schon im Herbst 1938 ein eigenes N-Referat (Nachrichten-Referat) zur Institutionalisierung des Spitzelapparats geschaffen, das gegen Kriegsende neben fünf Mitarbeitern über 170 V-Leute verfügte", berichtet der Historiker.

Welche Leute waren diese Konfidenten? "Viele hatten einen politischen Hintergrund, der sie erpressbar machte. Für ihre Kooperation wurde ihnen oft vorzeitige Haftentlassung bzw. die Entlassung aus einem Konzentrationslager angeboten", sagt dazu Schafranek. "Besonders interessant waren für die Gestapo Leute aus dem harten Kern der politischen Opposition."

V-Leute waren aber nicht nur "umgedrehte Widerstandskämpfer", sondern zum Teil auch Kriminelle, die sich für eine vorzeitige Entlassung erkenntlich zeigen sollten. Auch einige ursprüngliche Denunzianten sowie Spitzel jenseits aller Überzeugungen, die vor 1938 gegen die Nationalsozialisten und nach der Machtergreifung für diese spioniert haben, agierten als V-Leute.

Widerstand der Kaisertreuen

Die verbreitete Annahme, dass der kommunistische Widerstand besonders für eine solche Unterwanderung anfällig gewesen sei, stimmt nur bedingt: "Da die kommunistische Widerstandsbewegung die weitaus stärkste war, gab es auch entsprechend viele V-Leute aus dieser politischen Ecke", weiß der Historiker. "Aber auch alle anderen Widerstandsgruppen von den Sozialdemokraten über die Bürgerlich-Konservativen bis zu den Monarchisten wurden von Konfidenten infiltriert. Sogar in jüdischen Fluchthilfeorganisationen wurden jüdische V-Leute eingesetzt."

Die zweitstärkste Widerstandsgruppe nach den Kommunisten waren erstaunlicherweise die kaisertreuen Legitimisten, auch wenn diese weder vor noch nach dem NS-Regime nennenswerten politischen Einfluss hatten.

Nach Berichten von N-Referenten der Gestapo-Leitstelle Wien sind in deren Zuständigkeitsbereich 1941 mehr als 1500 Personen wegen kommunistischer Betätigung verhaftet worden. An die 800 davon gingen, wie Hans Schafranek herausfand, auf das Konto von nur zwei Spitzeln: Kurt Koppel und seiner Lebensgefährtin Margarete Kahane. Koppel ist 1945 übrigens spurlos verschwunden, Kahane wurde nach Jugoslawien deportiert.

Wandel zum Täter

Obwohl die Kooperation der V-Leute mit der Gestapo größtenteils erzwungen war, vollzogen manche dieser Konfidenten einen bemerkenswerten Wandel vom Opfer zum durchaus aktiven Täter. Besonders "effiziente" V-Leute betätigten sich mitunter sogar als Agents Provocateurs, wobei sich auch dabei die Wiener Gestapo besonders hervortat. So hatte sie etwa eine eigene Druckerei, in der kommunistische Flugblätter hergestellt wurden.

Den Kapos in den KZs vergleichbar, verfügten V-Leute über eine "geborgte Machtteilhabe", wie es Hans Schafranek formuliert: "Sie hatten oft die Macht, über Leben und Tod zu entscheiden. Waren sie aber 'verbrannt', also enttarnt, war auch ihr eigenes Leben bedroht." Die meisten wurden dann zur Wehrmacht eingezogen.

Und wie endete die Geschichte des Superspitzels Karl Zwifelhofer? "Das Tauziehen um sein Leben dauerte bis zum Jänner 1945", berichtet Schafranek dem Standard. "Dann wurde er zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt. Nach Kriegsende flüchtete er in die amerikanische Besatzungszone nach Oberösterreich, ging dann aber zu seiner Mutter nach Wien. Dort wurde er sehr bald verhaftet und schließlich im Zug der staatspolizeilichen Verhöre im August 1945 erschlagen, wie ein Zeuge berichtete." Den meisten V-Leuten ist dagegen die Flucht ins Ausland gelungen. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 11.02.2009)

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