Der Herrscher des Hochgebirges

10. Februar 2009, 19:53
36 Postings

Sie zählen zu den seltensten und scheusten Tieren der Erde - Biologen können den Raubkatzen dank Hightech auch in den entlegensten Gebieten Asiens auf die Schliche kommen

Wenn es keine Fabelwesen sind, was dann? Sie leben in den kargen Höhen des Himalayas und anderen zentralasiatischen Gebirgszügen, in jenen laut einheimischer Legenden geisterbewohnten Regionen oberhalb etwa 2000 Meter, die z. B. die Wakhi im Norden Pakistans respektvoll "mergich" nennen.

Man sieht sie fast nie, doch sie sind da. Lautlos schleichen sie durch Geröllfelder, springen elegant von Fels zu Fels, und pirschen sich unbemerkt an ihre Opfer heran. Letztere haben kaum eine Chance, sogar wenn sie dreimal so schwer sind. Die Graupelze haben gewaltige Kräfte. Ein kurzer, verzweifelter Kampf, danach ist alles vorbei.

Schneeleoparden (Panthera uncia) sind freilich keine mystischen Kreaturen, sondern reale Geschöpfe aus Fleisch und Blut. (Und nebstbei auch Namensgeber des nächsten Apple-Betriebssystems.) Ihre Anpassungen an die unwirtlichen Lebensbedingungen auf den Dächern der Welt sind allerdings fantastisch. So verfügen sie über eine besonders große Lungenkapazität, um ihren Körper in der dünnen Höhenluft mit ausreichend Sauerstoff versorgen zu können. Sie halten auch den Höhenweltrekord für Raubtiere beim Fotografiertwerden: Ein BBC-Team machte auf 5800 Metern Aufnahmen eines jagenden Tiers.

Perfekt getarnter Jäger

Der kräftige, rund einen Meter lange Schwanz hilft den Raubkatzen, auf schmalem Grat die Balance zu halten. Das Fell ist lang, dicht und so gefleckt, dass es in steiniger Umgebung eine nahezu perfekte Tarnung bietet. Schneeleoparden machen überwiegend Jagd auf Huftiere wie den Ibex (Capra sibirica) oder das Blauschaf (Pseudois nayaur). Notfalls begnügen sie sich aber auch mit Murmeltieren und Schneehasen.

Leider geht es P. uncia so wie vielen der atemberaubend schönen Tierspezies unserer Erde: Das Überleben der Art ist stark gefährdet. Vor allem die Jagd hat ihr schwer zugesetzt. Schneeleopardenpelze gelten mancherorts noch immer als begehrte Trophäen, und einige ihre Körperteile gelten in der traditionellen chinesischen Medizin unsinnigerweise als Heilmittel.

Niemand weiß genau, wie viele dieser majestätischen Tiere noch durch Zentralasiens Gebirge streifen. Experten schätzen ihre Zahl auf 3500 bis 7500, verteilt auf eine Fläche von rund 1,2 Millionen Quadratkilometer. Das Verbreitungsgebiet der Schneeleoparden reicht von Südsibirien über das Pamirs-Gebirge im Westen bis nach Bhutan im Südosten. Insgesamt zwölf Staaten mit zum Teil komplizierten politischen Verhältnissen und äußerst abgelegenen Gebieten, in denen Gesetze nur schwer durchsetzbar sind. All das macht Artenschutz nicht einfacher.

Doch nicht nur die äußeren Umstände, auch die Schneeleoparden selbst bereiten Fachleuten Kopfzerbrechen. Die Tiere sind extrem scheu, und wie soll man sie beschützen, wenn man nicht weiß, wo sie sind? Ohne Kenntnisse über Populationsgrößen, Vermehrungsraten, Wanderwege und das Revierverhalten lassen sich keine wirksamen Schutzprogramme aufstellen.

Lange Zeit lieferten Hinweise der lokalen Bevölkerung sowie die gezielte Suche nach Spuren den größten Teil des Wissens, erklärt der Zoologe Rodney Jackson von der Schutzorganisation "Snow Leopard Conservancy" im Gespräch mit dem STANDARD. Ausreichend war dies keinesfalls. Vor einigen Jahren kamen dann erstmalig sogenannte Kamerafallen zum Einsatz. Diese Methode brachte gute Ergebnisse: In einem Teil des Hemis-Nationalparks in Ladakh (Nord-Indien) gelang Jackson und Kollegen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren der Nachweis von jeweils sechs Schneeleoparden.

Dies entsprach einer Populationsdichte von gut acht Exemplaren pro 100 Quadratkilometer. Die Tiere ließen sich auf den automatisch erstellten Bildern anhand ihrer individuellen Fellmuster identifizieren (vgl. Wildlife Society Bulletin, Bd.34, S. 772).

Der für die Studie erforderliche Aufwand war jedoch gewaltig, sowohl zeitlich wie auch finanziell. Für großflächige Bestandsaufnahmen ist die Methode deshalb nicht geeignet.

Nun hat sich eine neue Perspektive eröffnet - der modernen Molekularbiologie sei Dank. Ein internationales Forscherteam, zu dem auch Rodney Jackson gehört, hat in drei verschiedenen Gebieten (Ladakh, Süd-Mongolien und West-China) in freier Wildbahn Kotproben von Raubtieren gesammelt und die Zusammensetzung der darin enthaltenen DNA-Reste im Labor analysiert.

Ermutigende Kotproben

Die Ergebnisse sind ermutigend. Neben Luchsen, Wölfen und zahlreichen Füchsen konnten auch die genetischen Fingerabdrücke von insgesamt sechs männlichen und vier weiblichen Schneeleoparden nachgewiesen werden. Und das bei einen Suchaufwand von nur wenigen Tagen pro Region (vgl. Animal Conservation, Bd. 11, S. 401). "Der Kotprobenanalyse gehört die Zukunft", sagt Jackson begeistert. Weitere Studien in Russland, Pakistan und anderen Staaten seien bereits im Gange. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 11.02.2009)

  • Ein Schneeleopard im nordindischen Ladakh tappt in die Kamerafalle. Molekularbiologische Methoden sollen nun helfen, die vom Aussterben bedrohten Tiere zu schützen.
    foto: snowleopardconservancy.org

    Ein Schneeleopard im nordindischen Ladakh tappt in die Kamerafalle. Molekularbiologische Methoden sollen nun helfen, die vom Aussterben bedrohten Tiere zu schützen.

Share if you care.