Altruismus als Überlebenstechnik

10. Februar 2009, 19:25
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Kooperation ist das zentrale Thema im Werk des Wissenschafters Martin Nowak

Für Martin Nowak ist Mathematik die einzig wahre Sprache, um die Dynamik der Evolution in allen Facetten zu erklären. Seit seinem Studium entwickelt er Gleichungen für die Prozesse, die für die Entstehung von Leben entscheidend sind, und verfasste darüber mehrere in den renommierten Fachmagazinen Science oder Nature publizierte Papers. "Alle meine Arbeiten sind mathematische Beschreibungen von evolutionären Prozessen."

Ein zentrales Thema ist dabei die Kooperation gewesen. Für Nowak ein Grundprinzip der Evolution - wie natürliche Selektion und Mutation. Ohne Kooperation von Zellen können keine komplexen Organismen entstehen, sagt er. Zellen würden einander beim Wachstum helfen. Der Zusammenbruch der Kooperation bedeute Krebs.

Nowak vereinheitlichte alle in der Spieltheorie gängigen Regeln der Kooperation - von Ethikern eher als Altruismus oder Nächstenliebe beschrieben - in einer Formel und kam zum Schluss, dass auch die Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, ohne das Gute und Selbstlose nicht bestehen würde.

Man könnte zwar meinen, egoistische, nicht mit anderen Menschen zusammenarbeitende Menschen hätten entscheidende Evolutionsvorteile gegenüber nächstenliebenden, kooperierenden Menschen. Gruppen, die mangels Kooperierenden nur aus selbstsüchtigen Aggressoren bestehen, sind aber als Ganzes weniger lebensfähig. Selbst in der Finanzwelt sei Kooperation die Basis für Entwicklung, sagt Nowak. Ohne Kooperation würde der Kreislauf des Geldflusses zusammenbrechen.

Nowak schreibt aber nicht nur über das Gute und Selbstlose in wissenschaftlichen Abhandlungen. In einem erst kürzlich erschienenen Essay im Fachmagazin Nature (Vol 456/2008) sang er zuletzt ein Loblied auf Edelmut und Großzügigkeit. Und er zitierte dabei einen seiner Lehrer, den britischen Biologen Robert May. "Du verlierst nie, wenn du großzügig bist."

Martin Nowak ergänzt, dass er nach eingehender mathematischer Analyse May, einem "echten Siegertypen", recht geben musste. Alle Gleichungen würden diese Ansicht bestätigen.

Nun geht Nowak an den Beginn alles Lebens und sucht nach Gleichungen, die die Bedingungen für die Entstehung des Lebens beschreiben. "Wodurch wurde komplexe Chemie zur Biologie?", fragt er. Und setzt dabei sein Lieblingsthema "Kooperation" auch in der täglichen wissenschaftlichen Arbeit um.

Gemeinsam mit Kollegen und Studenten arbeitet er an Formeln, diskutiert sie - und freut sich über die Idee der Chemiker in Harvard, die Theorie im Labor in einer Versuchsreihe umzusetzen, nach Nowaks Formeln eine Art "Ursuppe" zu entwickeln. (pi/DER STANDARD, Printausgabe, 11.02.2009)

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    Kooperation von Zellen ermöglicht komplexe Organismen.

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