Der Beginn des Lebens ist berechenbar

10. Februar 2009, 19:15
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Der Wiener Biomathematiker Martin Nowak ist seit 2003 in Harvard - Im STANDARD-Interview spricht er über die Finanzkrise der Forschung und eine neue Arbeit über die Zeit vor der Evolution

STANDARD: Die Finanzkrise macht auch vor den Elite-Universitäten in den USA nicht halt. Harvard, wo Sie seit 2003 eine Professur für Mathematik und Biologie haben, soll im vergangenen Jahr binnen vier Monaten acht Milliarden Dollar verloren haben. Wie wirkt sich das aus?

Nowak: Harvard befindet sich zur Zeit tatsächlich in einer Finanzkrise. Die meisten Fakultäten müssen im kommenden Jahr ihr Budget um etwa fünfzehn Prozent reduzieren. Das hat zu einem fast völligen Aufnahmestopp geführt. Auch begonnene Bauprojekte können zurzeit nicht fertiggestellt. Die Uni musste sogar Anleihen aufnehmen, um Gehälter zu zahlen. Ich habe aber keine Bedenken, dass Harvard diese Krise überwinden wird. Die Universität ist 1636 gegründet worden und hat schon viele Stürme überstanden.

STANDARD: Inwieweit betrifft das die Studenten?

Nowak: Die Universität bleibt dem Prinzip treu, die Aufnahme von Studenten ausschließlich von ihrem akademischen Erfolg abhängig zu machen. Ob die Eltern die Studiengebühren zahlen können oder nicht, ist zweitrangig.

STANDARD: Wie wirkt sich die Krise auf Ihre Forschungsarbeit aus?

Nowak: Bis jetzt kaum. Als ich mein Institut in Harvard aufgebaut habe, sagte der damalige Präsident der Universität, Larry Summers: "Du brauchst nicht zu sparen. Es wird immer genug Geld geben." Ich habe nicht auf Summers gehört, sondern doch auch etwas gespart. Das hilft mir jetzt. Außerdem bin ich auch in Kontakt mit Sponsoren, die bereit sind, in die Forschung zu investieren, wenn andere Quellen versiegen. Die Verwegenen sind auch jetzt noch bereit, Risiko einzugehen. Wenn man nämlich jetzt die richtige Entscheidung trifft, dann kann man beim Aufschwung sehr viel gewinnen. Warren Buffett hat gesagt: "Ich bin ängstlich, wenn die anderen gierig sind. Ich bin gierig, wenn die anderen ängstlich sind."

STANDARD: Ein Blick nach Österreich lässt die Frage offen: Sind heimische Geldgeber, ist also der Staat zu gierig oder zu ängstlich, wenn sie erst langsam in Geberlaune kommen und Forschungsbudgetverhandlungen sich eher zäh gestalten?

Nowak: Ich glaube, dass Österreich es sich leisten muss, maßgeblich in die Forschung zu investieren. Österreich ist ein Land, dem es sehr gut geht. Wenn es hier keine Spitzenforschung gibt, dann fehlt es am politischen Willen. Denn es gibt genug Talente. Es fasziniert und erschreckt mich zugleich, dass in der Wissenschaft Geld jetzt ein ganz wichtiger Faktor ist. Geld ist eine Art Energie, die es möglich macht zu forschen. Bei vielen Gesprächen unter Forschern geht es um Finanzierungsmöglichkeiten und nicht um Erkenntnisgewinn.

STANDARD: Viele Mathematiker haben sich darüber schon Gedanken gemacht - und Rechenmodelle entwickelt. Interessieren Sie sich auch für die Mathematisierung der Finanzkrise?

Nowak: Natürlich. Ich arbeite derzeit an einem Projekt mit der Financial Service Agency in England und einigen internationalen Investmentfirmen. Da geht es darum, das Bankennetzwerk zu analysieren. Damit Banken positiv bilanzieren, müssen sie sich oft Geld von anderen Banken ausborgen. Das Netzwerk basiert auf Vertrauen. Ist eine Bank in der Krise, sinkt dieses Vertrauen. Die Bereitschaft zur Kooperation sinkt. Der Bargeldfluss versiegt, der Mechanismus bricht in sich zusammen. Niemand borgt niemandem mehr Geld.

STANDARD: Wann planen Sie beim konkreten Projekt zu Ergebnissen zu kommen?

Nowak: Meine Güte. Das ist so, als würden sie mich fragen: Wann wird Ihnen die zündende Idee kommen, der große Gedanke? Das weiß man nicht. Aber ein paar Ergebnisse gibt es schon. Wir hoffen, dass wir in ein paar Monaten eine erste Studie fertiggestellt haben. Doch ist es in der Grundlagenforschung auch so, dass jede Einsicht zu vielen neuen Fragen führt. Anders gesagt: Man stößt ins Unbekannte vor - und das wird immer größer sein als das Bekannte. Wissenschaft ist nie am Ziel angelangt. Ich greife oft alte Rechnungen auf - und denke sie weiter.

STANDARD: Auch die zuletzt publizierte Arbeit "Prelife", wo sie sich mit der Zeit, ehe Leben auf der Erde entstand, befassten?

Nowak: Gerade diese Arbeit ist jetzt sehr spannend. Wir haben uns die Frage gestellt: Was war das, was vor der Evolution da war, und wie kann man es in mathematischen Gleichungen erfassen? Evolution beruht auf Reproduktion, natürlicher Selektion und Mutation. Aber was war vor dem Auftreten der Evolution? Da gab es komplexe Chemie. Und diese Chemie hatte auch Selektion und Mutation, wie meine Gleichungen zeigen.

STANDARD: Ist das das - vorläufige - Ergebnis?

Nowak: Es gab auch vor dem Entstehen von Leben eine Art Evolutionsdynamik. Ich nenne es "Prevolution", eine Chemie, die kontinuierlich den Sprung ins Leben angetrieben hat. Der Anfang, "the origin of life", war aber kein einzelner wunderbarer Moment, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Nun werden wir Rechnungen über die Bedingungen erstellen, die notwendig waren, damit aus Prelife Life wurde. Danach werden Chemiker aus Harvard unsere theoretischen Überlegungen als Experiment umsetzen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Es wäre interessant, die Entstehung der Evolution im Labor nachzuvollziehen. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 11.02.2009)

Zur Person
Martin Nowak studierte Biochemie und Mathematik in Wien, promovierte 1989 sub auspiciis praesidentis, ehe er mit einem Erwin-Schrödinger-Stipendium des FWF nach Oxford ging. Dort wurde er 1997 Professor für Theoretische Biologie. 1998 erhielt er einen Ruf an das renommierte Institute for Advanced Study in Princeton, wo einst Albert Einstein und Kurt Gödel tätig waren. Seit 2003 ist er nun Professor für Biologie und Mathematik in Harvard. Nowak ist Autor von etwa 300 wissenschaftlichen Arbeiten.

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    foto: beigelbeck

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