Strategien der Skandalisierung

10. Februar 2009, 18:46
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Plädoyer eines Islamexperten, die gegenwärtige Krise im Verhältnis Österreichs zur Islamischen Glaubensgemeinschaft als "Chance zu begreifen"

Der Islam wird seit etlichen Jahren als Bedrohung Europas konstruiert. Sei es als terroristische Gefahr, sei es als Unterwanderung. Reale Muslime interessieren kaum, werden im öffentlichen Raum nur bemerkbar mit Kopftuch, mit der Absicht, Moscheen zu bauen u. a. m. Zugleich sehen sie sich ins Licht der Medien gestellt - auch das für viele Muslime eine verstörende Erfahrung.

Vielfältige Bruchlinien durchziehen die europäischen Gesellschaften. Und es ist schwierig, die neuen "bewegten Zugehörigkeiten" (Strasser) angemessen zu begreifen und entsprechend zu handeln. Die Auseinandersetzungen mit "dem Islam" gestalten sich offenkundig besonders schwierig. Seit Jahrhunderten wird ein Islam-Bild eingeübt, das wenig mit der Realität muslimischer Gemeinschaften und Menschen zu tun hat und mehr über die Bedürfnisse der Europäer/innen aussagt als über die scheinbar abgebildete Realität. So wird auch das aktuelle Schauspiel eingeleitet mit der Skandalisierung dessen, dass ein Prediger, der aus dem Gazastreifen stammt, mit Bezug auf Israel angeblich von "Bestie" gesprochen hat.

Nun sind an der Übersetzung wohl Zweifel angebracht, daran, dass ein heftiges Wort gefallen ist, nicht. Auf den Titelseiten wird dies dann aber auf "Hetze" gegen Israel - und damit eine in außereuropäischen Erfahrungen gründende Position auf eine rein europäische Sicht reduziert. Passgenau wird dazu moniert, der Prediger habe sich positiv zur Hamas und zum Iran geäußert, die er als einzig aktive Kräfte in Gaza gegen Israel bezeichnet. Nun sind beide im Zeichen des "Krieges gegen den Terror" so sehr dem Lager des Bösen zugerechnet, dass es dem Leser nur noch schaudern darf.

Dass es in einer Sicht aus Gaza durchaus anders aussehen mag, kommt nicht in den Sinn. Und dass die arabischen Regierungen vielleicht aus dieser Sicht in nicht so gutem Licht erscheinen, ebenfalls nicht. Wir haben es also in einer arabischsprachigen Gemeinde mit einer arabischen Predigt aus arabischer Sicht in Wien zu tun. Wäre es nicht sinnvoller, Bedingungen zu schaffen, die einen Perspektivenwechsel - also eine "Wiener Sicht - ermöglichen, und sich nicht auf eine Seite des Konfliktes festzulegen, bei dem die Realität im Propagandagetöse untergeht? Dann nämlich wird es auch für Muslime möglich, aus der reinen Opferhaltung herauszukommen und nicht den militärischen Akt einer regionalen Militärmacht in Nahost als Angriff auf den Islam zu interpretieren, gegen den es die Reihen zu schließen gilt (und damit der Propaganda dieser Macht auf den Leim zu gehen).

Der zweite Akt beginnt mit der journalistischen Lektüre einer Studie über islamische Religionslehrer in Österreich, die für Aufruhr sorgt. Angesichts von ca. 20 Prozent der darin Befragten, die problematische Ansichten äußern, nur zu verständlich. Die wissenschaftlich saubere Studie legt damit den Finger auf eine Wunde, die an mehreren Orten schwärt (so jetzt auch in Graz). Es mag beruhigen, dass 75-80 Prozent der Befragten mit der Demokratie keine Probleme haben. Das Problem einer Minderheit bleibt aber bestehen, und es sei der Öffentlichkeit die Forderung unbenommen, dass sich etwas ändern muss. Wie dies geschieht, ist wohl letztlich eine Frage der Regelung des Religionsunterrichts allgemein, aber auch von Veränderungen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft und den muslimischen Communitys - insbesondere mit Blick auf das Entstehen einer Schicht unabhängiger muslimischer Intellektueller. Vergessen werden sollte dabei aber nicht, dass in Österreich eine Glaubensgemeinschaft existiert, die Adressat von Forderungen sein kann und bereits viele Schritte gesetzt hat, von denen man anderswo in Europa immer noch weit entfernt ist.

Der dritte Akt bringt ein Bild ins Spiel: die Illustration eines Schulbuches mit einem Soldaten, der erschossen wird. Illustriert werden soll, dass ein Soldat in Verteidigung der Heimat oder Medinas als Schahid stirbt, gemeinhin als Märtyrer übersetzt. Dies wird nur (oder kann es nur?) in den Medien als Befürwortung des Todes im Dschihad (=Terrorismus) gewertet, was gewiss im Bild nicht enthalten ist, aber trotzdem immer wieder insinuiert wird. Zu bezweifeln ist nun allerdings, dass die Idee des "Süß und ehrenvoll ist's, für das Vaterland zu sterben." in einem heutigen Schulbuch recycelt werden muss. Zugleich ist dies aber ein Musterfall für die gängige Verknüpfung von Islam und Terrorismus, die wiederum nur Abwehrreaktionen hervorruft und eine konstruktive Krisenbewältigung blockiert. Die akute Krise sollte als Chance begriffen werden, auf allen Seiten einen Neuanfang zu wagen, ohne in die Falle der Verdammung "des Islams" oder der der Einigelung zu gehen. (Rüdiger Lohlker/DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2009)

Zur Person

Rüdiger Lohlker ist Vorstand des Institus für Orientalistik an der Universität Wien.

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