Glaubenseifer und Toleranz

10. Februar 2009, 18:38
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Es lohnt sich, die berühmt gewordene Dissertation von Mouhanad Khorchide über Islamlehrer in Österreich genau zu lesen

Es lohnt sich, die berühmt gewordene Dissertation von Mouhanad Khorchide über Islamlehrer in Österreich genau zu lesen. Sie enthält nämlich noch anderes als die beunruhigende Feststellung, dass ein Fünftel von diesen einen Widerspruch zwischen Islam und Demokratie erblickt. Das Wichtigste: je jünger und je besser gebildet die Lehrer sind, desto positiver stehen sie zu den Menschenrechten, zur Moderne, zum europäischen Rechtsstaat, zur Gleichberechtigung der Frau und zur Demokratie im Allgemeinen.

Es ist gut, dass sich Unterrichtsministerin und Islamische Glaubensgemeinschaft inzwischen auf eine Art Leitlinie für einen demokratiekompatiblen Religionsunterricht verständigt haben. Auf diese Glaubensgemeinschaft gehen derzeit viele los. Sie mag ihre Defizite haben, aber wir sollten heilfroh sein, dass wir eine solche Institution besitzen. Viele Staaten, in denen es keine einheitliche Vertretung aller Muslime gibt, beneiden uns darum. Und man muss fairerweise auch zugestehen, dass die Führer der Gemeinschaft ständig einen heiklen Balanceakt zu bewältigen haben - zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen, Liberalen und Konservativen, türkisch- und arabischstämmigen Glaubensbrüdern. Dass sie ehrlich bemüht sind, ihre Leute zu einem menschenrechtskonformen und europäischen Islam zu führen, kann man ihnen getrost abnehmen.

Freilich, das dauert seine Zeit. Dafür sollte man eigentlich gerade in einem katholisch geprägten Land wie Österreich Verständnis haben. Noch in der Generation meiner Mutter lernte man in der Religionsstunde, dass nur Katholiken in den Himmel kommen. (Der Lefebvre-Bischof Williamson behauptet noch heute: "Protestants take their orders from the devil.") Dass man daher Andersgläubige bekehren muss. Dass Frauen zu Hause bleiben und ihren Männern gehorchen sollen. Und dass "göttliche" Verbote, etwa in Sachen Homosexualität, Vorrang vor demokratisch beschlossenen staatlichen Gesetzen haben.

Dass Glaubenseifer und Toleranz einander nicht ausschließen, sondern, im Gegenteil, korrelieren, geht aus der Studie auch hervor. Vielen jungen Migranten und Migrantinnen gibt der Islam darüber hinaus ein "Wir-Gefühl", Identität, Sicherheit und Selbstbewusstsein. Ein Studienergebnis, das ich aus meiner Erfahrung als Deutschlehrerin für Musliminnen nur bestätigen kann. Und ein weiteres Ergebnis: wer sich in Österreich akzeptiert fühlt und sich daher auch mit dem Land identifizieren kann, hat auch ein gutes Verhältnis zur Demokratie.

Wir sollten uns über die Khorchide-Studie nicht nur entrüsten, sondern möglichst auch daraus lernen. So fühlen sich 40 Prozent der Islamlehrer an ihren Schulen unfair behandelt (kein Zugang zum Kopierer, kein Schlüssel zum Lehrerzimmer). Muss das sein? Wenn eine Kopftuchfrau arbeiten gehen will - ein großer und mutiger Schritt in einer patriarchalischen Gesellschaft - wird sie dafür manchmal nicht gelobt und ermutigt, sondern kritisiert oder abgewiesen. Und immer noch besuchen nur sechs Prozent ausländischer Schüler die AHS, aber17 Prozent die Sonderschule. Wenn wir wollen, dass die 400.000 Muslime in Österreich gute Demokraten werden, dann sollten wir zuallererst hier etwas ändern. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD Printausgabe, 11. Februar 2009)

 

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