"Der Berg ist nicht geeignet"

10. Februar 2009, 18:11
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ÖSV-Präsident Schröcksnadel macht nicht Trainer für die Nie­derlagen verantwortlich. Die ÖOC-Probleme sieht er sich "erste Reihe fußfrei an"

Standard: Bei einem erfolgsverwöhnten Fußballklub fliegt der Trainer, wenn es gar nicht läuft. Wie sieht es beim ÖSV aus?

Schröcksnadel: Einen Schuldigen zu suchen, ist das Einfachste. Das haben wir seit Jahren nicht gemacht, das werden wir jetzt auch nicht tun.

Standard: Die Lösung?

Schröcksnadel: Wir müssen überdenken, welche Konzepte wir für die Zukunft machen. Im Skitraining ist sehr viel Wissen dabei, vom Material, von den Rennanzügen, von der Technik. Das hast du im Fußball in der Form nicht.

Standard: Österreich ist ja erfolgreich im diesbezüglichen Export.

Schröcksnadel: Das tut uns wirklich weh, und das wollen wir auch nicht verstärken.

Standard: Sie könnten ja Ablösen verlangen.

Schröcksnadel: Das geht nicht, das ist das Problem. Wir haben eine tolle Trainerausbildung, und dann gehen die Trainer weg mit ihrem Wissen. Noch schlimmer ist es, wenn sie direkt vom Verband weggehen. Wir haben ungefähr hundert Trainer, die Nordischen dazugerechnet. Und wenn man den Apparat stört, dann funktioniert es noch weniger. Auch darum ist "hire and fire" keine Lösung. Aber man sieht ja auch beim Fußball, dass das nicht unbedingt funktioniert.

Standard: Ihr Kommentar zum bisherigen Abschneiden der Herren?

Schröcksnadel: In Aare waren wir auch nicht besser zu diesem Zeitpunkt. Die WM ist nicht aus.

Standard: Der große Stolz waren immer die schnellen Disziplinen. In Aare holte Fritz Strobl Silber im Super-G. Hier ging gar nichts.

Schröcksnadel: Den Strobl haben wir damals heimgeflogen, wir haben ihm andere Ski geholt, sonst wäre schon damals nichts gegangen. Der ist nicht mehr dabei, und für die Leut, die wir haben, ist der Berg nicht geeignet. Das wäre ein Gelände für den Mario Scheiber. Aber der ist verletzt wie viele andere Weltklassefahrer.

Standard: Geben die vielen Verletzten zu denken?

Schröcksnadel: Das ist ein Thema, das wir diskutieren müssen. Wenn wir in Zukunft eine starke Abfahrtsmannschaft haben wollen, müssen sich die Trainer überlegen, wie sie es anstellen, dass wir genügend Reserven haben.

Standard: Offenbar gibt es derzeit wenig Nachschub.

Schröcksnadel: Es gibt da Konzepte. Hannes Trinkl etwa ist dafür abgestellt. Die Jahre, die uns jetzt fehlen, sind die Snowboardjahre. Damals sind viele zum Snowboarden gegangen, nicht in den Skisport. Das sieht jetzt wieder anders aus. Wir müssen Schritte setzen, die die anderen nicht kennen.

Standard: Also den Skisport wieder einmal neu erfinden?

Schröcksnadel: Überhaupt nicht. Wir sind ja nicht so gut geworden, weil wir eine Geschichte erfunden haben, sondern weil wir viele Sachen besser gemacht haben. Das System mit den Rennsportleitern zum Beispiel ist exportiert worden, das haben alle.

Standard: Und was hat man jetzt, was die anderen nicht haben?

Schröcksnadel: Das Testzentrum in Neukirchen am Großvenediger, davon profitieren auch die Springer, die Biathleten, die Nordischen Kombinierer. Ein schneller Ski ist das Um und Auf in diesem Sport.

Standard: Die Skifirmen haben doch Interesse, auch in anderen Nationen schnelle Leute zu haben.

Schröcksnadel: Ja, schon, aber die Ski richten wir selber her, und wir schleifen die Kanten, wir sorgen fürs Tuning. Was für ein Wachs dann draufkommt, ist sekundär.

Standard: Spürt der Skisport die Wirtschaftskrise?

Schröcksnadel: Die Skifirmen haben die schlechten Jahre hinter sich. Die Krise trifft den Tourismus, das ist eine andere Branche. Die Stimmung bei der ISPO war gut. Aber natürlich werden die Firmen die Krise zum Anlass nehmen, angesammelten Müll loszuwerden. Ich glaube nicht, dass es im Skisport schlechter wird als in den Neunzigerjahren. Da hat man Überkapazitäten gehabt. Das Wachstum war nicht mehr da. Die gesamte Industrie natürlich, die uns sponsert - das ist ein anderes Thema.

Standard: Ein wichtiges.

Schröcksnadel: Wir haben bis 2010 alles im Kastl. Im Sommer wurde alles verlängert, und da war die Krise schon da. Ich glaube auch, es wird darüber hinaus gutgehen. Das ist nicht einfach, aber managebar.

Standard: Bestimmt Olympia den Zyklus?

Schröcksnadel: Nein, bei Olympia dürfen wir nicht werben, da haben wir nur Kosten. Das bringt uns gar nichts.

Standard: Olympia brachte auch andere Scherereien. Das Verhältnis zwischen ÖSV und ÖOC ist nicht wirklich super.

Schröcksnadel: Das liegt ja nicht an uns. Wir haben ja niemanden gesperrt. Aber das ÖOC hat Leute gesperrt, die nichts getan haben.

Standard: Am Freitag wird der ÖOC-Vorstand gewählt. Der ÖSV hat keinen Vertreter nominiert.

Schröcksnadel: Ich schau mir das erste Reihe fußfrei an. Sonst gebe ich keinen Kommentar ab. Was die Salzburg-Geschichte betrifft, habe ich null Ahnung. Ich war ja nur bei der Bewerbung für 2010 im Aufsichtsrat. Bei zwei Sitzungen, dann habe ich mich verabschiedet.

Standard: Weshalb?

Schröcksnadel: Weil es unprofessionell war. Der Gegner war Vancouver. Ich hab gesagt, schaut euch das an, fliegt hin. Keiner hat sich das angeschaut. Da bin ich gegangen.

Standard: Wird es 2010 ein ÖSV-Biathlon-Team bei Olympia geben?

Schröcksnadel: Zwei Trainer, Hoch und Mayer, haben wir damals sofort gesperrt, ausgeschlossen. Aber die vom ÖOC Gesperrten waren ja nicht einmal in ein Verfahren involviert. Die können doch nicht sagen, wir sind ein privater Verein, wir sperren, wen wir wollen. Ohne Trainer wird's in Vancouver nicht gehen. Das wäre unprofessionell, und wir sind nicht unprofessionell. Es ist aber noch Zeit. (Mit Peter Schröcksnadel sprach Benno Zelsacher - DER STANDARD PRINTAUSGABE 11.2. 2009)

Zur Person:
Peter Schröcksnadel (67) besitzt u.a. über seine "Sitour Management GmbH" zahlreiche Skigebiete und Tourismusunternehmen. Seit 1990 ÖSV-Präsident.

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    "Hire and fire ist keine Lösung. Auch der Fußball zeigt, dass das nicht unbedingt funktioniert."

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