"Glaubensfrage": Schräglagen hinter Klostermauern

10. Februar 2009, 17:51
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In John Patrick Shanleys Film "Glaubensfrage" liefert sich Meryl Streep in einer Klosterschule mit Philip Seymour Hoffman einen Machtkampf um die richtige Moral

Wien - Selbst vor den dicken Backsteinmauern einer Klosterschule in der Bronx macht der Fortschritt nicht Halt. In Gestalt und im Gefolge eines neuen Geistlichen hält er Einzug. Plötzlich soll man sich für ein kameradschaftliches Verhältnis zu den Schülern öffnen. Und das, wo man doch bisher höchst erfolgreich auf das Verordnen von Regeln und das Bestrafen von deren Übertretung setzte.

Es ist das Jahr 1964, in den Augen der Schulleiterin wird mit solchen Neuerungen vor allem eine gottgefällige Ordnung auf menschliches Mittelmaß herunterlizitiert: Schwester Aloysius (Meryl Streep) beobachtet Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) misstrauisch. Er unterschätzt sie dagegen als Auslaufmodell. Eine neue, junge Lehrkraft, Schwester James (Amy Adams), gerät zwischen diese Fronten, weil sie zu guten Glaubens ist. Und so steht bald der Verdacht im Raum, der Pater habe das Vertrauen eines Schutzbefohlenen missbraucht.

Doubt lautet der Titel des Films, den der Verleih nicht ganz unberechtigt mit Glaubensfrage anstatt mit "Zweifel" übersetzt. Zweifelhaft ist dafür zum Beispiel die ambivalente Haltung des Films zu seinem Sujet und seinen Figuren: Schwester Aloysius ist wahlweise eine schrullige Alte, die Kugelschreiber und andere vermeintlich fortschrittliche Entwicklungen nicht in ihrer Schule duldet. Oder sie zeigt sich als gebrochene Figur, die nur zu gut um die (Ohn-machts-)Stellung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche weiß und aus dieser Erfahrung auch die Berechtigung ableitet, die Regeln der Kirche durch ihre eigenen Dogmen zu ersetzen.

Ersteres hätte eine Nonnen-Klamotte ergeben, das Verfolgen von Zweiterem möglicherweise einen ganz interessanten Film. Mischen tut sich beides jedenfalls nicht gut. Abgesehen von den drei Hauptakteuren hat man sich auch nicht groß Mühe gegeben, ein Umfeld auszuarbeiten. Der Junge (Joseph Foster), das angebliche Opfer, wird selbst nie angehört; die Autoritäten bleiben lieber unter sich.

John Patrick Shanley, der Autor des Bühnenstücks, ist auch der Autor und Regisseur der Verfilmung. Visuelle Kniffe wie die wiederholte spontane Schräglage der Kamera im Zuge entscheidender Konfrontationen wirken primär irritierend, aber nicht besonders überlegt; überhaupt wird hier vielleicht ein bisschen viel bedeutungsschwer von unten oder von oben auf die handelnden Personen und die Hierarchien geblickt.

Duell der Giganten

Zugespielt wird dabei in erster Linie dem ohnehin schon sehr akzentuierten Darstellungsstil - Streep und Hoffman ergehen sich im Schaukampf der Schauspielgiganten. Die Argumentation des Films ist kaum weniger vordergründig, wie folgende Parallelmontage illustriert: Die Schwestern nehmen schweigend ihr Mahl zu sich. Das Fleisch ist kaum genießbar, aber Schwester James schiebt sich nach einem Blick der Oberin einen Bissen wieder in den Mund, den sie vorher dezent am Tellerrand abgelegt hatte. Pater Flynn dagegen isst zur selben Zeit anderswo gut und deftig, trinkt Alkohol und unterhält seine Mitbrüder mit Witzen. Wer danach noch an irgendetwas zweifelt, der ist selber schuld. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2009)

 

Derzeit im Kino

  • Strenge Schwester mit unverrückbaren Dogmen: Meryl Streep ist für ihre
Rolle in "Glaubensfrage" bereits zum fünfzehnten Mal für einen Oscar
nominiert.
    foto: der standard

    Strenge Schwester mit unverrückbaren Dogmen: Meryl Streep ist für ihre Rolle in "Glaubensfrage" bereits zum fünfzehnten Mal für einen Oscar nominiert.

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