"Irgendwie ist alles geil"

10. Februar 2009, 17:40
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Der deutsche Entertainer Heinz Strunk veröffentlicht mit seinem Pubertätsroman "Fleckenteufel" eine grandiose Satire auf Charlotte Roches "Feuchtgebiete"

Wien - Eigentlich war Heinz Strunk mit diesem ganzen - Zitat - "Pipikacka-Zeug" schon durch. Immerhin war der Hamburger Erfolgsautor 2004 gemeinsam mit Charlotte Roche auf Tour. Er trug während dieser Lesereise eine ordentlich im "Schmodder" wühlende, 1978 an der Technischen Universität München eingereichte "Skandaldissertation" zum Thema Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern mit großem Erfolg vor.

Zu seinem großen Ärger verarbeitete Charlotte Roche allerdings unter anderem diese wissenschaftlichen Erkenntnisse Anfang 2008 in ihrem mittlerweile allein im deutschen Raum eineinhalb Millionen Mal verkauften Roman Feuchtgebiete. Ein von nassforschen Körperfunktionen und -disfunktionen besessener Text, der im Feuilleton unkontrolliert wie unreflektiert weite Kreise zog.

Heinz Strunk im Interview: "Von der Emma über Die Zeit bis zur Süddeutschen Zeitung: Mir gingen einfach all diese plakativen pseudo-postfeministischen Debatten über weibliche Identität unglaublich auf die Nerven!" Helen, die 18-jährige Protagonistin von Feuchtgebiete, musste bezüglich "weiblicher Selbstbilder und Hygiene" (FAZ) laut Strunk dafür herhalten, dass man in einer Coming-of-Age-Geschichte plötzlich über sehr ausführlich geschilderte Zysten und Hautausschläge zur Identifikationsfigur gerade auch für männliche Spanner wurde. Medial wurde zwischen "Huch!" und "Pfui!" der Körper einer Frau auch als voyeuristische Projektionsfläche beackert.

Hohn und Spott

Heinz Strunk antwortet diesem aufgeregten Getöse nun mit sogenannten satirischen Mitteln - aus der Sicht eines 16 Jahre jungen Mannes, der nicht genug kriegen kann, weil er in seinem Leben aber auch noch rein gar nichts außer Hohn und Spott abbekommen hat.

Der jetzt bei Rowohlt als Taschenbuch erschienene Roman Fleckenteufel lehnt sich nicht nur offen an die Umschlaggestaltung von Charlotte Roches Feuchtgebiete an. Aus dem rosa Hintergrund mit draufgeklebtem Heftplaster wird bei Strunk ein himmelblaues Cover mit weißem Waschlappen.

Allerdings gesellen sich zum schaurig-schönen Ekel bei Charlotte Roches als weiblicher Befreiungsakt gelesenen Hämorrhoiden-Leiden und einem offensichtlich fehlenden Schamgefühl jetzt zwei Dinge, die bei der Beschreibung der Erlebniswelt junger Menschen gern außer Acht gelassen werden.

Heinz Strunk: "Schuld- und Schamgefühle sind während der Pubertät zentrale Befindlichkeiten. Das Peinliche, das Scheitern, der sich einschleichende Verdacht, dass es in Zukunft möglicherweise gar nicht so toll werden wird, wie man es sich erhofft hat. Man beginnt zu ahnen, dass man nichts Besonderes darstellt. All das wird in Fleckenteufel verhandelt."

"Ich kenne die Szene"

Traurigkeit und Komik liegen bei Heinz Strunk zwänglerisch eng beisammen. Strunk beschreibt die Geschicke seines Protagonisten Thorsten Bruhn während zweier Wochen auf "Familienfreizeit" mit der evangelischen Gemeinde seines norddeutschen Heimatortes in einem Kaff an der Ostsee. Thorsten ist mit seinen 16 Jahren ein vom Schicksal mit sexueller Orientierungslosigkeit, Notgeilheit ("Irgendwie ist alles geil"), unerheblicher Attraktivität, aber vor allem mit pathologischer Hartleibigkeit geschlagener Bursche aus der Peripherie Hamburgs. Strunk: "Ich selbst fuhr über zehn Jahre mit der Kirchengemeinde an die Ostsee. Ich kenne die Szene."

Über ihn gelangt auch ein zentrales Thema des 46-jährigen Autors und Entertainers sehr ausführlich zum Einsatz. Thorsten bekommt vom Leben nichts geschenkt. Aber er kann, ein direkter Bezug zu den Feuchtgebieten, auch nur wenig nach außen abgeben. Stichworte: fehlende "Entlastungspupse" oder Mangel an "stillen Kriechern mit dumpf-erdiger Blume: Pppppffffiiiiggglll" . Strunk ist besessen von außer Rand und Band geratenden Körperfunktionen.

2004 startete der ehemalige Tanzmusiker und Ende der 90er-Jahre als Mitglied der Spaßterroristen Studio Braun gemeinsam mit Rocko Schamoni und Jaques Palminger bekannt gewordene literarische Spätzünder mit seinem erheblich autobiografisch zwischen Hochzeit und Schützenvereinsball gefärbten, heute über 300.000-mal verkauften und 2008 auch von Regisseur Christian Görlitz verfilmten Roman Fleisch ist mein Gemüse. Eine dringliche und zum Weinen schöne Beschreibung sexuellen Notstands in ursächlicher Verbindung mit pubertätsbedingter "Acne conglobata" - und der schlechtesten Musik der Welt: Polonäse Blankenese, An der Nordseeküste, Hello Dolly, Tequila. Harter Stoff, den Strunk als Bandmitglied der drittklassigen Combo Tiffany's insgesamt zwölf Jahre am Saxofon und der Querflöte in die Mehrzwecksäle und Gasthofhinterzimmer zwischen Lüneburger Heide und Waterkant blies.

Im Herbst 2008 folgte der sträflich übersehene, die deutsche Humortrauerarbeit anhand von TV-Comedys sezierende Roman Die Zunge Europas. Eine selbstverständlich tragikomische einwöchige Beobachtung des von vorgezogener Midlife-Crisis geplagten Comedy-Autors Markus Erdmann. Der dichtet für abgehalfterte Comedians Gags wie: "Ladies first - James Last!" Das tut weh. Aber die Behandlung hilft.

Schreiben ist, zumindest für Strunk, ein "quälender Prozess": "Wer behauptet, dass es Spaß macht, lügt." Keine Chance auf Erlösung: "Zu einem großen Teil ist das alles ja auch autobiografisch. Wer schreibt schon gern über Masturbation oder Verstopfung?! Ich sicher nicht! Gut, das mit der Verstopfung habe ich erfunden."

Es gehe darum, wenn schon nicht wahrhaftig, so doch ehrlich zu sein: "Wie fühlte sich das damals in der Pubertät bei mir an? Die Erinnerung verblasst. Aber das Gefühl der Scham und Schuld bleibt. Ich wurde allerdings evangelisch erzogen. Sie in Österreich kennen das wahrscheinlich gar nicht." Eines Tages werden wir alle über unsere Jugend lachen können. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2009)

  • Der deutsche Autor und Entertainer Heinz Strunk (46) im Interview: "Wer
schreibt schon gern autobiografisch über Masturbation oder
Verstopfung?! Gut, das mit der Verstopfung habe ich erfunden."
    foto: corn

    Der deutsche Autor und Entertainer Heinz Strunk (46) im Interview: "Wer schreibt schon gern autobiografisch über Masturbation oder Verstopfung?! Gut, das mit der Verstopfung habe ich erfunden."

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