Krätzmilbe und Sternennebel

10. Februar 2009, 17:27
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Fotografie in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts

Wien - Heute flirren Zellen und Molekülketten grellbunt eingefärbt über die Monitore und lösen kaum mehr Erstaunen aus.Wer fragt noch, wie diese Bilder der inneren Universen eigentlich entstehen? Im Zeitalter der Computeranimation sind Wissenschaftsbilder längst entzaubert.

Nicht so im 19. Jahrhundert, als die moderne Wissenschaft und das junge Medium Fotografie gleichzeitig ihre Blüte erlebten. Ihr Zusammenwirken ließ eine Fotografie des Unsichtbaren entstehen, so auch der Titel einer Ausstellung in der Albertina: Am Lichtbild, dem "Zeichenstift der Natur" (Fox Talbot), wurden erstmals bisher verborgene Bereiche des unendlich Kleinen und des unvorstellbar Großen (der fernen Himmelskörper) eingefangen.

Immer kürzere Belichtungszeiten ermöglichten, Bewegung sowie Blitze und Stromentladungen bildlich zu bannen. Die Fotos elektrischer Funken des Astronomen, Künstlers und Amateur-Insektenforschers Étienne Léopold Trouvelot sind in ihren tausendfachen Verästelungen, die Pfauenfedern gleichen, von frappierender Schönheit. Die Mikrofotografien von Kieselalgen scheinen ebenso wie jene von Schneekristallen regelrecht Ornament-Musterbüchern entsprungen. Die unglaubliche Ästhetik und Magie solcher Bilder macht nachvollziehbar, warum Künstler jener Zeit die Entwicklung der neuen Bildgebungsverfahren mit großem Interesse verfolgten oder selbst daran beteiligt waren. Von spielerischer Neugier getragen auch die kunstnah wirkenden ersten Röntgenbilder: Nebst Fußknochen sind auch die Nägel der Schuhe und die Sicherheitsnadel an der Gamasche zu sehen. Bis zur so genannten "Geisterfotografie" und ihrer teils absurden Beispiele ist es dann auch nicht mehr weit. Die Ausstellung ist getragen von Begeisterung, die auf den Besucher überschwappt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2009)

Bis 24.5.

  • Ein Floh von 1863.
    foto: media museum, bradford.

    Ein Floh von 1863.

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