Drei Hammerschläge zum Glück

19. Februar 2009, 16:40
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Ob Schnäppchen oder Schatz - im Dorotheum gibt es kaum etwas, das es nicht gibt

"Jeder anständige Wiener geht einmal im Leben ins Pfandl." Was eine Kundin so umgangssprachlich und liebevoll als "Pfandl" bezeichnet, ist das Dorotheum - Schauplatz für Kunstliebhaber, Müßiggänger, Schnäppchenjäger und Finanzakteure für einen Tag.

Solide Preise, neue Käuferschichten und verstärktes internationales Interesse kennzeichneten 2008 das 301. Jahr des Wiener Auktionshauses. Mit einem Gesamtumsatz bei Auktionen von 108 Millionen Euro war dies nach dem Rekord im Jubiläumsjahr 2007 das zweitbeste Ergebnis der Unternehmensgeschichte. Während traditionelle Pfandleihhäuser nach und nach verschwinden, ist das Interesse hier ungebrochen.

"Wir bestehen aus drei Säulen", so Josef Stefan, Hauptschätzmeister, Leiter des schätztechnischen Dienstes Juwelen und Uhren und mit Leib und Seele dem Dorotheum verbunden: "Dem Pfandbereich, dem Auktionsbereich und dem Handelsbereich." Alle drei Bereiche seien gleich wichtig, denn "auf einem Bein kann man nicht stehen."

Die Vitrinen und Schauräume untermauern diese Aussage: Möbel, Pelzmäntel, Ringe, Uhren, Colliers - zum Ruf- oder Verkaufspreis angeschrieben - offenbaren die Schätze des Palais. Die Zeit scheint stillzustehen auf den zwei öffentlich zugänglichen Stockwerken des altehrwürdigen Gebäudes: Ein Kinderjäckchen aus der Monarchie um 300 Euro, ein 25-teiliges Set an Riedel-Gläsern um 350 Euro oder ein Brief aus der ehemaligen Sowjetunion um 50 Euro. Bis vor wenigen Jahren wurden auch noch Elektro-Artikel verpfändet. Doch durch den massiven Preisverfall "gehen diese Objekte heute kaum noch", erklärt Stefan. Ganz vorne auf der Hitliste stehen Edelmetalle, die zuletzt deutlich an Wert zulegen konnten.

Weltrekordpreise

Wirtschaftskrise hin oder her, "wir haben pro Jahr über 600 Auktionen", rechnet Stefan vor. Einige Objekte - gemeint sind Gemälde - erzielten 2008 sogar Weltrekordpreise.

Doch es geht auch im Kleinen: Das Dorotheum ist in Wien Anlaufstelle Nummer eins für das schnelle Geld. Stefan: "Wer kurzfristig Geld braucht und von der Bank keinen Kredit mehr bekommt, wendet sich an uns." Die Schätzmeister, allesamt entweder gelernte Goldschmiede oder Uhrenmacher, bewerten das entsprechende Objekt, der Kunde erhält unbürokratisch Bargeld und den Pfandschein. Die Kosten der Belehnung sind transparent und klar deklariert: Sie gliedern sich bei einer Laufzeit von drei Monaten (plus sechseinhalb Wochen Nachfrist) in 0,5 Prozent Zinsen und weiteren 0,75 Prozent Manipulationsgebühren je Halbmonat. "Selbst die Überziehungszinsen bei einer Bank sind nicht höher", weiß Stefan.

In den insgesamt viereinhalb Monaten (Verlängerung möglich) bleibt das belehnte Objekt stets im Besitz des Kunden. Das Dorotheum fungiert lediglich als Kommissionär. Wird bei einer Versteigerung ein Überschuss erzielt, geht dieser ebenfalls an den Kunden.

Weihnachtszeit ist Schmuckzeit

Nicht wenige nutzen das älteste Auktionshaus im deutschsprachigen Raum auf ganz spezielle Weise: "Mit Beginn der Urlaubszeit bringen die Menschen vermehrt ihre Wertgegenstände zu uns, denn ein Tresor wäre ebenso teuer wie die Gebühren für eine kurzfristige Belehnung." Oder der umgekehrte Fall: "Um die Zeit der Weihnachts-Feiertage lösen viele Menschen ihre Schmuckstücke wieder aus - wahrscheinlich, um damit zu repräsentieren", mutmaßt Stefan.

Doch nicht immer steht das Geld im Vordergrund, oft sollen Objekte einfach nur geschätzt werden. Top oder Flop liegen hierbei mitunter eng beieinander wie der jüngste Fall zeigt: "Erst gestern kam eine junge Frau mit einem geerbten Ring zu uns", so Stefan. "Es stellte sich heraus, dass er sage und schreibe 90.000 Euro wert war. Die Frau wäre uns fast umgefallen." (Sigrid Schamall, derStandard.at, 19.2.2009)

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    Das Wiener Dorotheum ist das älteste...

  • ...Auktionshaus im deutschsprachigen Raum. Auf zwei Etagen befinden sich die Schauräume.
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    ...Auktionshaus im deutschsprachigen Raum. Auf zwei Etagen befinden sich die Schauräume.

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