Pflanzlich heißt nicht immer harmlos

11. Februar 2009, 15:38
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Pflanzliche Arzneimittel sind von Patienten verstärkt gefragt, da sie als schonend und natürlich gelten - Ungefährlich sind sie trotzdem häufig nicht

Pflanzliche Arzneimittel, auch Phytotherapeutika oder Phytopharmaka genannt, werden bereits seit Jahrtausenden für die Heilung von Krankheiten eingesetzt. Mit Entwicklung der synthetischen Arzneistoffe wurde zunehmend auf die Wirkung und das Wissen um die Heilpflanzen vergessen. Erst in den letzten Jahrzehnten entdeckte man die pflanzlichen Arzneien wieder neu. Viele Patienten wollen bewusst synthetisch erzeugte Inhaltsstoffe vermeiden, die den Körper belasten, wenn Naturpräparate gleiche Wirkung versprechen.

Phytopharmka bei leichteren Krankheiten

Phytopharmaka werden bevorzugt bei leichteren und mittelschweren Krankheiten verwendet. Speziell bei chronischen Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen, Kreislauf-, Nerven-, Magen- und Darmerkrankungen sowie Atemwegsinfekten vertrauen viele auf die Wirkung der Pflanzen. Pflanzliche Arzneimittel sind immer Mehr- oder Vielstoffgemische, da sie einen Pflanzenextrakt enthalten, der aus vielen unterschiedlichen Einzelsubstanzen besteht, die zusammen die Wirkung ausmachen. Chemisch-synthetische Arzneimittel enthalten meist nur einen einzigen oder wenige Wirkstoffe.

Natürlich heißt nicht unschädlich

Das Verhältnis von zugelassenen Arzneispezialitäten mit pflanzlichen Wirkstoffen zu Arzneien mit chemisch-synthetischen Wirkstoffen beträgt laut AGES PharmMed, Österreichs Zulassungsstelle für Arzneimittel, etwa 1:10. Pflanzliche Mittel werden aber seit den letzten Jahren verstärkt nachgefragt und häufig eingenommen, ohne zuvor einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, gelten sie doch als "rein pflanzlich" und unschädlich. "Die Bevölkerung verspricht sich viel von Phytopharmaka, auch deswegen, weil man ihr immer wieder vorgaukelt, dass es keine Nebenwirkungen gibt", sagt Brigitte Kopp, Vorständin des Instituts für Pharmakognosie der Universität Wien.

Was viele jedoch nicht bedenken: Phytopharmaka und andere Naturpräparate können neben der heilenden Wirkung auf den Organismus Neben- und Wechselwirkungen hervorrufen. "Ein Rheumamittel ist für den Patienten nicht das gleiche wie ein Tee, der für ihn kein Arzneimittel ist", erklärt Edward Penner, Leberexperte am AKH in Wien.

Alle Naturpräparate in einem Topf

Der Begriff des Phytopharmakons wird häufig im falschen Zusammenhang verwendet: Naturkosmetika, Nahrungsergänzungsmittel, die pflanzliche Extrakte beinhalten oder sonstige Präparate auf pflanzlicher Basis werden irrtümlich häufig als Phytopharmaka bezeichnet. Dieser Begriff umfasst jedoch ausschließlich pflanzliche Arzneimittel, die der Apothekenpflicht unterliegen, erklärt Herbert Wicho von der Pharmazeutischen Abteilung der Österreichischen Apothekerkammer.

Pflanzliche Arzneimittel können dennoch leicht mit Nahrungsergänzungsmitteln verwechselt werden. "Der Übergang ist fließend. Für den Verbraucher ist es sehr schwer, Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel auseinander zu halten, da diese in ihrer Aufmachung genauso wie Arzneimittel verkauft werden", erklärt Rufolf Bauer, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz. Der feine Unterschied: Nahrungsergänzungen unterliegen nicht dem Arzneimittel- sondern dem Lebensmittelgesetz. "Nahrungsergänzungsmittel können gut sein, müssen aber nicht", betont Bauer.

Da pflanzliche Arzneimittel behördlich zugelassen werden müssen, ist therapeutische Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und konstante pharmazeutische Qualität Voraussetzung. Erst dann dürfen die pflanzlichen Arzneimittel in den Handel gebracht werden. "Bei Nahrungsergänzungsmittel hingegen kann vieles passieren - von gar keiner Wirkung bis hin zur Toxizität", warnt Kopp. Als Arzneimittel weisen Phytopharmaka - im Gegensatz zu den Nahrungsergänzungsprodukten - eine Zulassungsnummer auf. Zudem werden sie nicht wie andere Naturpräparate in Drogerie- und Supermärkten angeboten, sondern sind ausschließlich beim Arzt oder Apotheker erhältlich.

Nebenwirkungen nicht auszuschließen

Nebenwirkungen können bei allen Produkten auf pflanzlicher Basis auftreten, nebenrangig ob es sich um Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Naturkosmetika handelt. Forschungsergebnisse einer neuen Studie der Universität Göteborg zeigen am Beispiel Lavendelöl, dass natürliche Duftstoffe ebenso zu Allergien führen, wie synthetische Stoffe.

Phytotherapeutika unterscheiden sich von den Synthetika in punkto Nebenwirkungen in Häufigkeit und Intensität. Erstere sind oft besser verträglich als die, teils mit erheblichen Potenzial an Nebenwirkungen versehenen, synthetischen Präparate. Ausgeschlossen sind Neben- und Wechselwirkungen dennoch nicht. So können allergische Reaktionen auftreten, auch toxische Effekte, die häufig die Leber betreffen, sind keine Seltenheit. Die Einnahme anderer Medikamenten oder bestimmter Lebensmittel kann die Wirkung der pflanzlichen Heilmittel ebenfalls beeinflussen. So kann etwa die Einnahme von Johanniskrautextrakt, das als Antidepressivum eingesetzt wird, die Wirkung der Antibaby-Pille beeinträchtigen.

Aufgrund der unterschätzen Wirkung der Phytotherapeutika ist für Mediziner die Diagnostik einer Krankheit, die auf pflanzliche Medikamente zurückzuführen ist, oft schwierig. „Der Patient denkt nicht daran, dass er dem Arzt die Einnahme eines pflanzlichen Arzneimittels mitteilen sollte, da es in seinem Sinne kein Medikament ist", sagt Leberspezialist Penner. Gefährlich würden diese Naturpräparate dann werden, wenn man nichts Genaues über deren Herstellung und Inhaltsstoffe wisse. "Viele glauben, sie können damit ihre Fettleber oder Leberentzündungen kurieren und bedenken nicht, dass Naturprodukte ebenfalls Nebenwirkungen aufweisen können", so Penner. (Ursula Schersch, derStandard.at, 11.02.2009)

 

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    Pflanzen könen ungewollte pharmakologische Effekte aufweisen - Kamille kann beispielsweise gerinnungshemmend wirken

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