"Das sollen ruhig alle sehen"

10. Februar 2009, 15:47
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"Der öffentliche Raum ist kein Privatclub", mahnen Straßenzeitungs-
Verkäufer und fordern mehr Platz in der Stadt für sich - Kritik an neuen Bahnhöfen

Glas, Granit, Stahl, Scheinwerfer, und weit und breit kein Papierknäuel: Die neue Sauberkeit der frisch sanierten ÖBB-Bahnhofshallen dürfte bei manchem Wiener Spitalsmanager neidvolles Stirnrunzeln hervorrufen. Mit dem Lurch der alten Bahnhofsgebäude ist aber stellenweise auch eine traditionelle Klientel der Schalterhallen verschwunden: die Obdachlosen und BettlerInnen.

Einmal Händewaschen? Fünfzig Cent

Wurden die Unerwünschten etwa per Hausverbot verbannt? Nein, sagen die Straßenzeitungsverkäufer: Um Bettelnde zu vertreiben, braucht man kein Bettelverbot. „Da reicht es, Infrastruktur zu streichen", meint Heinz Zauner von der Linzer Straßenzeitung „Kupfermuckn". Wo es keine Sitzgelegenheiten gibt, dafür aber Security-Leute, wo man schon fürs Händewaschen am ehemals öffentlichen Klo fünfzig Cent zahlen muss, da ist für Habenichtse kein Platz.

"Wir werden verdrängt"

„Wir werden bewusst verdrängt", sagt Angela Traussnig von der Wiener Straßenzeitung Augustin. Meist sind es Einzelentscheidungen, die beeinflussen, wie viel Platz die BettlerInnen im öffentlichen Raum erhalten. Am Wiener Neustädter Bahnhof gehe es so weit, dass VerkäuferInnen der lokalen Straßenzeitung Eibischzuckerl selbst vor dem Bahnhofsgebäude nicht mehr handeln dürfen, erzählt Eibischzuckerl-Sprecher Martin Lackinger: „Kaum stellt sich einer hin, kommt ein Facility Manager oder Securitymann. Und der verfolgt sicher nicht die Interessen der Zeitungsverkäufer."

Drei Fixplätze in Salzburg

Vorbildlich laufe es in Salzburg: Da werden per Zug angereiste Festspielgäste am Weg in die Stadt gleich von drei Straßenzeitungs-Kolporteuren begrüßt, für die die Bundesbahnen extra Fixplätze im Bahnhofsdurchgang reserviert haben. Zusätzlich erhält die Straßenzeitung „Apropos" ungenutzte Werbeflächen am Bahnhof zum Nulltarif für die Eigenwerbung.

"Mahnende" Wiener Linien

Die Wiener  Linien geben sich seit einiger Zeit sozial engagiert: Unter dem Hinweis, gegen organisiertes Betteln vorgehen zu wollen, rufen sie die Fahrgäste auf, auf den Bahnsteigen kein Geld mehr herzugeben, sondern lieber „durch Spenden an anerkannte Hilfsorganisationen" zu helfen. Das sei zynisch, sagt Traussnig: „Jeder weiß, dass es in Wien keine Organisation für Bettler gibt." Und was organisiertes Betteln ist, liegt im Auge des Betrachters: Oft würden schon Augenkontakte zweier Bettler als Anzeichen „organisierten" Vorgehens gedeutet.

"Kein Privatclub"

„Der öffentliche Raum ist kein Privatclub, wo Türsteher bestimmen können, wer hinein darf und wer nicht", sagt Michaela Koncilia vom Klagenfurter „Sechsa", der Mitte März erstmals erscheint. Die Stadt gehöre allen, sagt Lackinger, und „nicht alles ist so schön und sauber, wie es scheint. Das sollen ruhig alle sehen."

Öffnung von Bahnhofswarteräumen und Kirchen für Obdachlose im Winter, freie Öffis für Arme, unbeschränktes Straßenmusizieren: Bis die Forderungen der Straßenmedien Gehör finden, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin machen sie weiterhin jeden „Freitag den Dreizehnten" zum Tag des „Rechts auf die Straße". Kommenden Freitag ist es in Wien wieder soweit - mit öffentlicher Gratisküche, Straßenkunst und jeder Menge spontaner Aktionen. Wo diese stattfinden, wollen die Augustins noch nicht verraten. Nur so viel: „Am Freitag um 13.13 Uhr wird etwas stattfinden." Wo? Bahnhöfe könnten ein heißer Tipp sein. (Maria Sterkl, derStandard.at, 10.2.2009)

 

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  • Kein Sitzplatz weit und breit: Die neue Bahnhofsarchitektur macht nicht nur Obdachlosen Sorgen
    foto: urban

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