Wiener IV-Präsident Kapsch für "Spekulationssteuer"

10. Februar 2009, 13:25
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Georg Kapsch: "Es kann nicht sein, dass man mit Spekulationen mehr verdient als in der Industrie"

Wien - Der Präsident der Wiener Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, fordert die Einführung einer Transaktionssteuer, um gewisse Finanztransaktionen finanziell uninteressant zu machen und dadurch einzudämmen. "Es kann nicht sein, dass man mit Spekulationen mehr verdient als in der Industrie", sagte Kapsch Montagabend bei einer Veranstaltung im Zigarrenklub in Wien. Der Finanzsektor sollte sich wieder auf die Finanzierung der Realwirtschaft konzentrieren, und nicht Spekulationen unterstützen, so der Industrielle und Vorstandsvorsitzende der Kapsch AG.

Man müsse sich wieder auf jene Bereiche konzentrieren, wo wirklich Wertschöpfung geschehe. Die Realwirtschaft und die Konsumenten seien nicht schuld an der aktuellen Krise, aber sie müssten sie jetzt ausbaden. In der Finanzwirtschaft hätten "einige schwarze Schafe" nur aus Gier gehandelt, andere hätten sich dann wie "Mitläufer" verhalten, analysierte Kapsch die Ursachen der Krise. Aber auch manche Anleger trügen ein gewisses Maß an Mitverantwortung: "Renditen von 20 Prozent zu erwarten ist einfach unrealistisch".

Auf dem Holzweg

Als Reaktion auf die Krise nun "zurück zum Staat" zu rufen sieht Kapsch nicht als richtigen Weg, Verstaatlichungen lehnt er ab. Staatshilfe in Form von Garantien für Corporate Bonds sollten branchenneutral gestaltet werden, also nicht nur für besonders betroffene Branchen gelten, sondern allen zur Verfügung stehen. Reformbedarf sieht der Industrielle bei den Ratingagenturen wie Moody's und Standard & Poor's, denn diese sollten nicht gewinnorientierte Unternehmen mit Eigeninteressen sein.

In der Standortpolitik müsse auf ein ausgewogenes Verhältnis von Industrie- und Dienstleistungsbetrieben geachtet werden. "Wenn die Industrie abwandert, wandert auch ein Teil der Dienstleister ab", warnte Kapsch. Eine zukunftsorientierte Standortpolitik brauche eine offene Gesellschaft, die anderen Kulturen offen gegenüberstehe, erinnerte er an die Periode um die Jahrhundertwende 1900 in Wien. Zur Wahrung des sozialen Friedens dürften die Differenzen zwischen Arm und Reich und zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nicht immer weiter auseinanderklaffen.

Gesteuerte Immigrationspolitik

Kapsch spricht sich dezidiert für eine "gesteuerte Immigrationspolitik" und für Integration aus: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Österreich ein Zuwanderungsland ist, und das ist gut so". Der Wiener IV-Präsident fürchtet nicht, dass der österreichische Arbeitsmarkt "überrannt" werde. Daher tritt er für eine Öffnung des Arbeitsmarkts gegenüber den neuen EU-Ländern ein, obwohl er fürchtet, dass die Verlängerung der Fristen bevorstehe. Damit Wien wieder eine Bildungsstadt werde, müsste ein breiter Bogen von Maßnahmen ergriffen werden, etwa ein oder zwei verpflichtende Vorschuljahre, die Steigerung des Sozialprestiges von Lehrern und die bessere Bezahlung von Volksschullehrern. Grundsätzlich sei er ein Vertreter der Gesamtschule, das derzeitige Konzept der "Neuen Mittelschule" werde aber nicht funktionieren. (APA)

 

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