Albanien

Albanien

Das verzauberte Land

Wenn der Balkan Express nach Albanien einbiegt, wird man leicht überrascht, denn das Land entspricht so gar nicht seinem Image. Albanien ist allen Vorurteilen zum Trotz sehr charmant. Tirana hat einen geradezu mediterranen Flair. Den Süden als Lebensgefühl sieht man nicht nur in den Gesichtern der Männer unter den weißen Strohhüten, die in der Sonne Kaffee trinken. Der Süden leuchtet auch von den verspielt-bunten Häuserfassaden. Der Bürgermeister hat die Plattenbauten vor ein paar Jahren „aus politischen, nicht künstlerischen Gründen“ anmalen lassen.

Edi Rama ist ein albanischer Zauberer. Als er im Jahr 2000 die Stadtregierung übernahm, wirkte Tirana wie eine Bahnhofsstation: niemand wollte bleiben. Rama ließ die illegalen Häuschen am Flüsschen Lana abreißen. Er schuf wieder öffentlichen Raum. Wer heute nach Tirana kommt, der sieht, dass die Menschen diesen Raum eingenommen haben. Im Grünen wird Domino gespielt, auf den Wiesen gechillt, orange Plastikkinderwägen und Autodroms kurven durch die Parks.

Vor 20 Jahren herrschte hier noch Diktator Enver Hoxha, gegen den sein rumänisches Pendant Nicolae Ceausescu ein „echter Demokrat war“, wie der Leiter des albanischen Medieninstituts, Remzi Lani dem Balkan Express gegenüber betont. Kein anderes südosteuropäisches Land war so isoliert, nirgendwo der Staat so brutal gegenüber seinen Bürgern wie im totalitären Albanien. Gleichzeitig haben unter Hoxha Menschen gelebt, die diesen Staat gar nicht bemerkt haben. Bergbauern etwa, die sich zur Gänze selbst versorgten. Der Balkan-Express spürt auch diese Menschen auf, die noch heute in einer vorindustriellen, vormodernen Zeit, leben. Die Bäurin Age Carcu etwa, die mit Hauspatschen bekleidet, Zucchini und Bohnen aus ihrem grün wuchernden Garten holt. Sie sagt: „Und wenn man mir ganz Tirana schenkt, ich würde hier bleiben.“

Der Film zeichnet die zaghafte Annäherung zwischen den Albanern und ihrem Staat nach, den Übergang von der anarchischen zur rechtsstaatlichen Zeit. Er porträtiert jene Menschen, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und den brutalen 1990er Jahren, als sehr viele Albaner ihr ganzes Geld in Spekulationsgeschäften verloren, um Vertrauen in die Politik kämpfen. Die Bürgerinitiative Mjaft setzt sich für höhere Löhne für die Arbeiter in den Chromminen ein, dafür, dass die Politiker für ihre Versprechen einstehen müssen und dafür, dass man sich über sie lustig machen kann. Und der Balkan-Express zoomt in die Wohnküche der Mjaft-Familie, die es in ein paar Jahren geschafft hat, in ein Land, das von Angst beherrscht wurde, Zivilcourage und Humor zu zaubern.

Traurig ist, wie die drei Millionen Albaner gettoisiert werden. Wegen der Schengengrenze reicht ihre Welt oft nur bis nach Mazedonien. Aus dieser Perspektive wird klar, dass es die EU-Europäer sind, die noch nicht im heutigen Albanien angekommen sind. (Adelheid Wölfl)

English Version >>>

1 | 2 weiter 
Share if you care