Was ist ein "Siedler"?

10. Februar 2009, 17:08
99 Postings

Wer sind die Siedler, die in den Palästinensergebieten wohnen? Und: dürfen sie in Israel zur Wahl gehen? derStandard.at hat nachgefragt

Userin Täubchen aus Linz fragt: Man hört in der Berichterstattung über Israel so oft von "Siedlern", die in den Palästinensergebieten wohnen. Was ist eigentlich genau ein "Siedler"? Und dürfen diese in Israel an den Wahlen teilnehmen?

derStandard.at antwortet:

Liebe Userin,

Eigentlich ist es ja ganz einfach: ein jüdischer Siedler ist ein Mensch, der innerhalb der nach dem Sechstagekrieg 1967 von Israel besetzten Gebieten lebt. Aktuell zählen zu diesen Gebieten das Westjordanland und die Golanhöhen, bis 1982 die heute ägyptisch kontrollierte Sinai-Halbinsel und bis zum israelischen Abzug 2005 auch der Gazastreifen. Etwa 275.000 Siedler gibt es derzeit. Die meisten Siedlungen befinden sich im Westjordanland, 121, im Gazastreifen gab es deren 21. Die größte Siedlung stellt Modi'in Illit dar, eine Stadt mit 35.000 Einwohnern zwischen der Küstenmetropole Tel Aviv und Jerusalem, der Hauptstadt Israels.

Im muslimischen Viertel im Ostteil Jerusalems leben heute noch etwa 60 jüdische Familien unter 20.000 Arabern. In Hebron im Westjordanland wohnen 800 jüdische Siedler inmitten von 180.000 palästinensischen Einwohnern. Die israelische Tageszeitung Haaretz nannte die Situation in Hebron einen "Naturpark des Extremismus", im August 2007 waren 3.000 israelische Sicherheitskräfte nötig, um zwei Familien aus ihrem widerrechtlich besetzten Haus zu entfernen.

Andererseits erfahren die Siedlungen im Westjordanland stetigen Zustrom, oft sind es Einwanderer aus Russland, die den vergleichsweise günstigen Wohnraum nutzen. Etwa 1.000 neue Siedler kommen jedes Jahr dazu. "Der Staat Israel will die Siedler materiell belohnen, dass sie das Risiko auf sich nehmen, in die besetzten Gebiete zu ziehen", sagt John Bunzl, Israel-Experte und Politologe am Österreichischen Institut für Internationale Politik (ÖIIP). Dieser Anreiz könne etwa in billigeren Häusern bestehen oder in niedrigerer Steuerlast. Darum seien keineswegs alle jüdischen Siedler im Westjordanland aus ideologischen Gründen dort, sagt Bunzl. "Vor allem rund um Jerusalem leben viele Siedler, die einfach aus Kostengründen in die Stadt pendeln. Das Leben in den Siedlungen ist aufgrund der Subventionen wesentlich günstiger als in Israel selbst", sagt Muriel Asseburg, Forschungsgruppenleiterin Nahost bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

2007 beschloss die Regierung Olmert, die Siedlung Har Homa nahe Bethlehem massiv auszubauen, trotz Kritik von Seiten der USA sollen dort 300 neue Häuser für jüdische Siedler errichtet werden. Nach Angaben der Bewegung Peace Now gibt es zudem über 100 nicht genehmigte Siedlungen im Westjordanland.

Gleichgestellt

Laut Auskunft der israelischen Botschaft in Wien können die Siedler, so wie alle anderen Bürger des Staates Israel, an ihren Wohnorten zur Wahl gehen. In den meisten Siedlungen gibt es demnach Wahllokale. Auch Politologe Bunzl sagt, dass die Siedler in den besetzten Gebieten "den Israelis im Kernland in jeder Hinsicht gleichgestellt" seien. Sie müssten, um zur Wahl gehen zu können, ihre Siedlung kaum verlassen.

Auf jeden Fall stellt die Viertelmillion Siedler ein beträchtliches Stimmenreservoir innerhalb der israelischen Politik dar, wie Bunzl bestätigt. "Durch ihre hohe Anzahl können sie für manche Parteien, vor allem aus dem rechten Spektrum, ausschlaggebend sein." Muriel Asseburg ergänzt: "Die Stimmen der Siedler sind bisher fast zur Gänze entweder ins das rechtsnationale oder ultrareligiöse Spektrum geflossen, man kann davon ausgehen, dass dies auch diesmal so sein wird." (red, derStandard.at, 10.2.2009)

Sie haben eine Frage, die wir für Sie beantworten sollen? Hier der Link!

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein jüdischer Siedler gibt in der West Bank seine Stimme ab.

Share if you care.