Sterben und sterben lassen

10. Februar 2009, 12:07
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Es war ein makabrer Wettlauf mit dem Tod: Während die Ärzte die lebenserhaltenden Instrumente einer Koma-Patientin abdrehten, versuchten Staat und Vatikan ihr Sterben noch in letzter Minute zu verhindern

Um 20.10 Uhr war alles vorbei - Italiens berühmteste Patientin ist tot. Es war ein makabrer Wettlauf mit der Zeit, denn nur 50 Minuten zuvor hatte im Senat in Rom die Diskussion über eine Eilverordnung begonnen, die verhindern sollte, dass die künstliche Ernährung für die siechende Frau abgeschaltet wird.

Eluana Englaro, die seit einem Autounfall im Jahr 1992 im vegetativen Koma lag, stirbt am Montagabend gemäß dem Wunsch ihrer Familie. 17 Jahre lang wird sie zuvor von frommen Ordensfrauen gepflegt, bis sich eine Privatklinik findet, die bereit ist, die mittlerweile 38-jährige Frau sterben zu lassen, ein Leben zu beenden, das Eluanas Vater Beppino seit Jahren "die Hölle" nennt.

Die Auseinandersetzungen waren kurz zuvor heftig eskaliert. Vatikan und Politik schalten sich ein, Italien ist am Rand einer Verfassungskrise. Premierminister Silivio Berlusconi will schnell das italienische Grundgesetz ändern ("Man darf sie nicht sterben lassen, sie kann ja auch noch 'theoretisch' Kinder kriegen."), der Chef der italienischen Bischofskonferenz CEI, Kardinal Angelo Bagnasco, spricht davon, dass die Beendigung der künstlichen Ernährung für Englaro einer "Tötung" gleichkomme, Papst Benedikt XVI. betont, Euthanasie sei "menschenunwürdig und eine falsche Lösung für das Drama des Leidens." Englaros Tod nennt der Vatikan nun ein "Verbrechen".

Im Streit darum, ob Koma-Patienten wie Englaro leben müssen oder sterben dürfen, vergessen die Beteiligten eines: Die Würde des Menschen. Sie sollte in jeder Lebenssituation gegeben sein. Der Vater hat über zehn Jahre lang dafür gekämpft, Eluanas "Nicht-Leben", wie er es bezeichnet, zu beenden und mehrfach betont, dies entspreche ihrem Willen. Kurz vor ihrem Unfall habe sie nach dem Besuch eines Koma-Patienten erklärt, dass sie selbst unter solchen Umständen nicht würde weiterleben wollen.

Der Fall Englaro erinnert unter anderem an die ebenso kontrovers geführte Debatte in den USA um den Tod von Terry Schiavo. Die US-Amerikanerin liegt 15 Jahre im Wachkoma, ehe sie Ende März 2005 nach langen Jahren gerichtlicher und öffentlicher Auseinandersetzung zwischen ihrem Ehemann und den Eltern sterben darf.

Hier wie dort schlägt die Heuchelei so genannter lebensbejahender Institutionen durch: Das Ganze ist nicht mehr als absurdes Theater, eine Groteske, bei der es wohl kaum um moralische Prinzipien, als vielmehr um die kirchliche Macht bzw. politisches Kalkül geht - und darum, inwieweit Kirche und Staat  Kontrolle über den Körper und damit über den Menschen ausüben können, ohne eigene Fehler eingestehen zu müssen.

Unter dem Deckmantel von Würde und Menschlichkeit großes Leiden schön zu reden, stößt selbst bei tief Gläubigen bald an seine Grenzen. Beten und Wettern allein nützt eben nichts. Vielleicht sollte man sich im Vatikan vielmehr darüber Gedanken machen, die Kosten für unheilbar Kranke zu tragen. Im weltlichen wie im geistlichen Sinn. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 10.2.2009)

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    Beppino Englaro kämpfte jahrelang um einen Tod in Würde für seine Tochter.

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