Es fliegt, es fliegt - leider doch nicht

14. März 2003, 13:00
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"Ikarus": Neuer österreichischer Heimatfilm zwischen Wirtsstube, Disco und Almhütte

Eine Geschichte vom versuchten Neuanfang auf vorbelastetem Terrain: Bernhard Weirathers Spielfilm "Ikarus" begleitet seine Heldin zurück in ihr Heimatdorf und findet dort, zwischen Wirtsstube, Disco und Almhütte, doch nur die üblichen Verdächtigen.


Wien - Die Bewegung zwischen Land und Stadt nimmt im Kino vor allem eine Richtung: Die Verheißungen der Metropolen - oder der nächsten Bezirkshauptstadt - nähren die Träume der (jugendlichen) Landbewohner, und von deren entsprechenden Aufbrüchen haben schon viele Filme berichtet.

In Ikarus, inszeniert vom österreichischen Regisseur Bernhard Weirather, läuft die Geschichte umgekehrt. Nicht vom Weggehen, sondern vom Zurückkommen wird hier erzählt, und das hätte eigentlich spannend werden können: Lena (Nina Proll), die es auf ihrem Weg in die weite Welt - auf die Kreuzfahrtschiffe mit den exotischen Destinationen - nur bis in eine am Donaukanal fix verankerte Bar geschafft hat, fährt in ihr Tiroler Heimatdorf.

Konkreter Anlass ist das Begräbnis des Großvaters, heimlicher Antrieb scheint ein unbestimmter Wunsch nach Rückhalt und einem Ort, an dem man trotz aller Konflikte selbstverständlich zu Hause ist. Aber das deutet der Film eher an, als dass er daran arbeiten würde, diese Vorgabe profunde zu entwickeln.

So wirkt das Dorf seltsam leer und unspezifisch, scheint bis auf wenige Ausnahmen praktisch nur von den gut ein Dutzend handelnden Figuren bewohnt: Da gibt es die Familie Schwan, die Familie Wild und die Familie Pichler und noch ein paar vereinzelte Individuen. Da gibt es das, was immer noch so ist wie früher, und einige überraschende Veränderungen.

Kettenreaktionen

Die Erzählung verläuft in Form von Kettenreaktionen: Eines gibt in Ikarus das andere, und auch wenn dabei fortwährend kleine Verschiebungen stattfinden und der Überblick über die Zusammenhänge beim Zuschauer liegt, während die Figuren scheinbar impulsiv agieren, entsteht am Ende doch der Eindruck von forcierter erzählerischer Geschlossenheit:

Weil etwa der missratene Sohn des Dorfkaisers die Frau des Gendarmen abschleppt, ruiniert deren Tochter - unfreiwillige und unentdeckte Zeugin - im Gegenzug heimlich seine Marderfarm. Woraus wiederum folgt, dass der solcherart Enteignete am vierbeinigen Liebling seines Vaters Rache übt und so weiter.

In diesem derart eng vorgeschriebenen Handlungsrahmen, dieser Minidramenserie, bleibt den Figuren wenig Platz, einfach Befindlichkeiten zu zeigen. Stattdessen erscheinen diese hauptsächlich verkürzt über "Symptome" vermittelt, und deren Träger bleiben letztlich eine Sammlung von Typen. Wirken wie schlecht geerdete Bruchstücke aus der jüngeren heimischen Filmgeschichte und deren Anspruch, wirklichkeitsnahe Geschichten zu erzählen - eine Erwartung, die Ikarus dann doch nicht einlöst.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2002)

Von
Isabella Reicher

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ikarus- derfilm.at

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Termine auf der Diagonale 2003

Royal English Cinema
26. 3., 15:30
28. 3., 13:00
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    foto: © allegrofilm, petro domenigg
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