Die hohe Kunst des Abservierens

Redaktion, 21. November 2003, 19:16
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    foto: apa/ herbert pfarrhofer

    Constantin Wulff und Christine Dollhofer, hier 1998 in einer frühen Phase ihrer Diagonale- Intendanz

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    Wie wär’s zum Beispiel mit einer Entscheidung Ende November gewesen? Ein geradezu klassisches Beispiel für formvollendete Hinhaltekorrespondenz aus dem Büro von Franz Morak.

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Lehrstück und Farce: Zur Neuausschreibung der erfolgreichen Intendanz der Diagonale durch Staatssekretär Morak

Ein Lehrstück, eine Farce: Endlich verkündet VP-Kunststaatssekretär Franz Morak die seit Monaten überfällige Ausschreibung der Leitung der Austrofilmschau Diagonale. Der Grund: Die bisherigen erfolgreichen Intendanten, die von Morak monatelang hingehalten wurden, stehen nicht mehr zur Verfügung.


Wien/Graz - Sag zum Abschied lakonisch "Tschüss!": Am Freitagabend vergangener Woche hat VP-Kunststaatssekretär Franz Morak endlich einen Schritt gesetzt, zu dem er sich offenbar mühsam durchringen musste: "Die Intendanz des Filmfestivals Diagonale - Forum österreichischer Film wird neu ausgeschrieben", verkündete ein eigentlich seit Juni vergangenen Jahres erwartetes Schreiben aus dem Bundeskanzleramt.

Den derzeitigen Intendanten Christine Dollhofer und Constantin Wulff, deren Vertrag nach dem diesjährigen Festival (vom 24. bis 30. März in Graz) ausläuft - ihnen bescheinigt Morak in dem etwas hastig formulierten Schreiben zwar, sie hätten "die letzten sechs Jahre wertvolle Arbeit geleistet und das Festival als wichtige Plattform für den österreichischen Film positioniert". Gerade Graz müsse "aber im Zuge der Herausforderungen der EU-Erweiterung weiterhin eine zentrale Rolle spielen, die es aber neu zu denken gilt". Ihm, Morak, gehe es darum, "neue Akzente beim größten österreichischen Filmfestival zu setzen".

Das alles klingt auf den ersten Blick plausibel, allein: In den letzten Monaten scheint dem Staatssekretär die Notwendigkeit längerer Planungen weniger bewusst gewesen zu sein. Schon am 12. Juni 2002 hatte der Diagonale-Beirat Handlungsbedarf signalisiert. Die Filmemacher Christian Berger, Michael Kreihsl, Peter Tscherkassky, Produzent Dieter Pochlatko und der Filmverleiher Michael Stejskal schrieben ans BKA: Man habe sich "einstimmig für eine Verlängerung der Intendanz von Dollhofer ausgesprochen". Wulff stehe auf eigenen Wunsch nicht mehr zur Verfügung. "Im Sinne der Kontinuität und angesichts der geplanten Umstrukturierung" - Dollhofer erwog einen Ausbau der Südosteuropa-Aktivitäten - "halten wir eine Verlängerung der Intendanz von zumindest zwei Jahren (2004 und 2005) für unerlässlich."

Funkstille

Moraks Reaktion: Funkstille. Erst am 17. September wurde Dollhofer vonseiten des BKA bedeutet, mit einer Entscheidung sei bis zur Viennale (Mitte Oktober) zu rechnen. Dann wieder: Funkstille.

Als die Intendantin am 14. November noch einmal erklärte, es sei "unverantwortlich, nicht über den Juni 2003 hinaus (...) planen zu können" (auch vor dem Hintergrund gemeinsamer Programme von Diagonale und Graz 2003), teilte ihr Moraks Assistentin Nathalie Hoyos knapp (siehe re.) mit, die Entscheidung bzw. allfällige Ausschreibung werde wohl nicht vor Ende November erfolgen können.

Ein Hoffnungsstreif am Horizont? Mitnichten. Ein weiteres Ersuchen um Klärung, das Dollhofer/Wulff am 4. Februar an das BKA sandten, blieb ebenfalls unbeantwortet - bis Dollhofer am 21. Februar erklärte: Sie würde nicht mehr zur Verfügung stehen, "sollte bis 7. März keine Entscheidung über die Bestellung der Intendanz gefallen sein". Die Folge war ein kurzes BKA-Schreiben, an ebendiesem 7. März um 18 Uhr gefaxt: Die Diagonale-Leitung werde in den nächsten Tagen ausgeschrieben. "Ungeachtet einer möglichen Bewerbung darf ich Ihnen für Ihre Arbeit der letzten sechs Jahre danken." Gezeichnet: Nathalie Hoyos.

Jetzt soll also bis Ende Juni eine neue Leitung bestellt werden - nachdem Dollhofer ihre Bewerbung zurückgezogen hat. Dem STANDARD gegenüber erklärte sie ihre Entscheidung damit, dass damit der Planungsspielraum für professionelle Arbeit nicht mehr gegeben sei. Seriöse Schwerpunkte und Retrospektiven bedürfen in der Tat einer Vorlaufzeit von bis zu eineinhalb Jahren. Und gerade die "neuen Akzente" in Hinblick auf die Osterweiterung, die Morak jetzt als wünschenswert erklärt, hatte ja Dollhofer in ihrer Bewerbung formuliert.

Wenig Gegenliebe

Dass der Staatssekretär mit den Diagonale-Intendanten gelinde gesagt nicht glücklich war, hatte er schon in den vergangenen Jahren signalisiert. Seit dem Jahr 2000, in dem der Widerstand der heimischen Filmszene gegen Schwarz-Blau einen Diagonale-Besuch Moraks wenig glorreich verlaufen ließ, verlängerte das BKA die Verträge von Wulff und Dollhofer jeweils immer nur um ein Jahr. Weitere Besuche Moraks beim Filmfestival blieben ohnehin aus. Diagonale-Schwerpunkte zur heimischen Lage wurden ganz offenkundig wenig goutiert.

Andererseits hatte Morak gegen die ungeliebten Intendanten wenig in der Hand. Die Besucherzahlen der 1998 erstmals in Graz ausgetragenen Veranstaltung steigerten sich von 12.500 auf 25.000. Das Budget der Diagonale (an dem das BKA ironischerweise direkt nur mit 256.000 Euro beteiligt ist) schnellte auf 1,074.000 Euro hoch. 200 akkreditierte Journalisten ließen der Diagonale auch in internationalen Medien positive Besprechungen zuteil werden. Am Erfolg heimischer Filme der letzten Jahre war das Festival durchaus beteiligt.

Es stellt sich nun die Frage, welche Spezialisten aus der Filmbranche in den nächsten Jahren im Dienste des Staatssekretärs arbeiten wollen. Dollhofer hofft, "dass sich engagierte, gescheite Leute melden. Sonst war die Aufbauarbeit vergebens. Die Diagonale ist für die heimische Branche einfach zu wichtig."
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2002)

Von Claus Philipp

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diagonale.at
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