Auf dem Boden der Fantasie

7. März 2003, 23:18
posten

Peter Weber gilt als größtes Talent der jungen Schweizer Literatur, nun hat er Bahnhofsprosa komponiert

Peter Weber verfährt als Autor wie ein Gott: Er ist ebenso rückhaltlos im Erfinden und nicht weniger ironisch im Betrachten seiner Schöpfungen. Seine Bahnhofsprosa pulsiert so unerschöpflich und unübersichtlich wie die Welt. Sie ist überhaupt eine Metapher für die Welt. Das Webersche Bahnhofsuniversum hat weder Anfang noch Ende. Es hat nur einen Kamin, aber wer darin hoch klettert, entkommt nicht. Er fällt zurück auf den Boden, den Boden der Fantasie seines Autors. Der Kamin ist übrigens eine Orgelpfeife. Nichts in Webers Bahnhofsprosa ist nur, was es ist - auch das ganz wie in der Welt.

Der Bahnhof als Orgel, die Geleise als Harfe: Das gehört zu Peter Webers poetischen Wahrnehmungsbildern, seit er vor zehn Jahren zu publizieren begonnen hat. Der Wettermacher, man erinnert sich, war das furioseste Debüt in der neueren Literaturgeschichte. Darin beschrieb er seine Inthronisierung als Dichter. Am Vorabend des zwanzigsten Geburtstages hatte er in der elterlichen Stube im hintersten Toggenburg auf einen Stuhl zu steigen, um vom Vater den schwarzblauen Kondukteurshut der Schweizerischen Bundesbahnen aufgesetzt zu bekommen. "Du interessierst dich doch für Bahnhöfe und für die Eisenbahn?" - dieser Mutterfrage konnte er nicht entkommen. Aber nicht mit Modelleisenbahnbau hat er sich ihrem leisen Drängen gefügt, sondern mit der Konstruktion einer Welt aus Sprache. Dem Toggenburg ist er in den "Kopfbahnhof" Zürich entflohen, um als Dichter das Land des Wassers, seine Heimat, als Land des Wortgedröhns neu zu erfinden.

Bahnhofsprosa ist der Titel des neuen Buches, aber im Grunde meint der Begriff weniger einen Inhalt als eine Gattung, die Peter Weber hiermit inauguriert - wie vor vierzig Jahren Günter Eich mit seinen Maulwürfen. Webers Protagonisten - die sich geschmeidig und stets freundlich durch den Untergrund wühlenden "Höflinge" am Hof der Bahn - sind auch eine Huldigung an die blinden, rosapfotigen Renner Eichs. Wie sie unterläuft Webers Bahnhofsprosa anarchisch die Hierarchien der Welt. Deshalb hat sie auch wenig gemein etwa mit Peter Bichsels notorischer Zugsromantik. Mehr dagegen schon mit W. G. Sebalds wahnhaften Bahnhofskathedralen oder Hanna Johansens Bahnfahrt ins Unterbewusste in ihrem Erstling Die stehende Uhr.

Webers Bahnhofsprosa ist organisiert wie eine Zugskomposition. Vierundzwanzig Prosacontainer, vorn und hinten die Triebwagen, als die die beiden Kapitel in der Sixtinischen Kapelle am Anfang und Ende des Buches bezeichnet werden können. Zu der in ihr verordneten himmlischen Stille kontrastiert der Höllenlärm der Bahnhofshalle. Die vierundzwanzig kurzen Prosatexte lassen sich vage um vier Kerne gruppieren. In der ersten Textgruppe wird der Bahnhofsbesucher narkotisiert und in die Bahnwelt "weggesaugt", in der zweiten erlebt er seine Initiation zum "Höfling", in der dritten lernt er Ordnung und Anarchie, Ober- und Unterwelt des Bahnhofs kennen. In der vierten Gruppe gerät er wieder in die Sixtinische Kapelle, wo er vom "Maresciallo del silenzio" (welch ein Fund!) für sein Gerede zur Rechenschaft gezogen wird. Denn anders als im Bahnhof, wo Gerede Leben ist, ist es in der Kapelle der Tod der Kunst: Der feuchte Atem der Redenden frisst die Bilder.

Peter Weber ist ein barocker Klangmeister, ein gewaltiger Wortschöpfer und Märchenerzähler. Sein Bahnhof rankt sich um seine spitzbübische Privatmythologie herum zu einem eigentlichen Bahnkomplex empor. Zu dessen muntersten Bewohnern gehören schräge Lügengeschichten, die er uns mit charmanter Schlitzohrigkeit auftischt. Aber an ihrer Unterseite klebt Geschichte. Peter Weber ist immer auch ein Zeitbeobachter. Klar, dass im Mittelpunkt seines Bahnhofs eine Uhr steht. Sie ist das Herz, von ihr gehen die Einheiten aus, in denen Leben bemessen wird. Im Bahnhof selber ist die Zeit aufgehoben. Alles wogt, aber nichts verändert sich. Futuristisches lebt neben der guten alten Zeit.

Gegenstand der Bahnhofsprosa sind nicht Bahnhofsgeschichten, sondern das Bahnhofswesen. Das Bahnhofswesen wabert und vibriert, summt und posaunt. Geschichten verkochen darin zu einem Substrat. Personen werden zu Personal, das sich nach geheimnisvollen Choreografien bewegt. Es gibt Ankömmlinge, aber keine Reisenden, weil von Reisen, wo es keinen Ausgang gibt, nicht die Rede sein kann. Das Fernweh ist auf riesige Bildschirme, die in den Hallen aufgestellt sind, gebannt. Der Bahnhof ist ein anonymer, öffentlicher Raum. Zu ihm gehört auch ein Museum: das "Museum der Öffentlichkeit". Peter Webers Bahnhof ist eine Passage, die zum Lebensraum geworden ist, das definitive Provisorium. So wie unsere Bahnhöfe tatsächlich zu kompletten Ersatzwelten geworden sind.

Alles und alle in Webers Bahnhofsprosa haben eine irritierende Ähnlichkeit mit allem und allen, die wir kennen. Aber wir kennen wenig. In Webers Bahnhofsuniversum entstehen Räume, die finster bleiben, deren Ausmaße selbst dem Autor unbekannt bleiben. Das Bahnhofsuniversum ist unendlich. Es multipliziert sich selber - etwas anderes kennt es nicht - nach den undurchsichtigen Gesetzen der Konfusion und Diffusion. Eine begehbare Lunge, unsere Lunge, in der wir uns bald wie Gulliver, bald wie Schneewittchens Zwerge immer nur verwundert umsehen können. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 8./9.3.2003)

Von
Samuel Moser
  • Peter WeberBahnhofsprosa. € 18,90/133 S. 
Suhrkamp, Frankfurt 2002.
    foto: buchcover

    Peter Weber
    Bahnhofsprosa.

    € 18,90/133 S.
    Suhrkamp, Frankfurt 2002.

Share if you care.