Ehemalige Nazis als Namensgeber für Schulen

10. Februar 2009, 10:43
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Chemnitzer Historiker stößt Diskussion an - Demnach gibt es bundesweit mehr als 100 kritisch zu betrachtende Paten

Hamburg - Goethe und Schiller, Thomas Mann und Sophie Scholl - viele Schulen haben sich nach diesen Persönlichkeiten benannt. Schließlich will man sich mit dem Namensgeber schmücken, ihn als
Vorbild für die Schüler nehmen. Doch bundesweit ist auch eine dreistellige Zahl von Schulen nach Erkenntnissen des Chemnitzer Historikers Geralf Gemser nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt. Dies gehe aus einer Vorprüfung der Länderdatenbanken und einer Hochrechnung seiner gründlichen Recherchen in Sachsen hervor, sagt Gemser. Schulen und Städte gehen mit dem Thema sehr unterschiedlich um.

Gemser hat das Buch "Unser Namensgeber. Widerstand, Verfolgung und Konformität 1933-1945 im Spiegelbild heutiger Schulnamen" veröffentlicht. Darin konzentriert sich der freie Mitarbeiter der Stiftung Sächsische Gedenkstätten auf die knapp 2.200 Schulen in Sachsen. Veröffentlichungen zu weiteren Bundesländern sind geplant, die Recherchen laufen bereits.

Der erste Band umfasst rund 80 Personen, die im Zeitraum von 1933 bis 1945 in Erscheinung getreten sind, wie die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl. Darunter sind aber auch acht ehemalige NSDAP-Mitglieder. Dabei handele es sich aber nicht um "Täter im juristischen Sinne", betont Gemser: "Es gibt ganz wenige Beispiele, in Sachsen keine, dass Namenspatrone nach dem Krieg wegen Delikten aus der NS-Zeit vor Gericht standen." Es gehe um Mitgliedschaften, bestimmte Aussagen, Teilnahmen an NS-Veranstaltungen und andere Zeichen der Konformität.

Diskussion über problematische Lebensläufe

Gemser betont im Vorwort, das Namenslexikon habe keinen überwiegend anklagenden Charakter. Aber es gehe doch um die Frage, inwieweit Konformität oder gar Täterschaft bagatellisiert würden:
"Problematische oder widersprüchliche Lebensläufe sollen zur Diskussion gestellt werden."

Eine solche Diskussion brach mit dem Buch für das Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium im sächsischen Großröhrsdorf auf. Die Schule ist nach dem 1875 geborenen Chirurg benannt, der laut Gemser Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels behandelte und 1942 finanzielle Mittel für medizinische Versuche an KZ-Häftlingen bewilligte.

"Sorgfältig abwägen"

"Bis vor ein paar Tagen war das hier kein Thema", sagt der stellvertretende Schulleiter Gerd Lehmann. Die Schule habe zu DDR-Zeiten den Namen des Kommunisten Fritz Weineck getragen, der
nach der Wende nicht mehr erwünscht gewesen sei. "Da haben die Verantwortlichen hier offenbar nach einem neuen Namensgeber mit Bezug zum Ort gesucht", sagt Lehmann. Und Sauerbruch habe sich in der Gegend wohl verdient gemacht. Wie es jetzt weitergehe, könne er noch nicht sagen. Zunächst werde die Schule gründlich recherchieren und dann gegebenenfalls handeln, sagte Lehmann.

Das sächsische Kultusministerium erklärte, die Namensgebung erfolge eigenverantwortlich durch die Schulträger, also die Landkreise oder Kommunen. "Es ist - durch die zuständigen Stellen - sorgfältig abzuwägen, ob die Personen, die durch die Namensgebung eine Vorbildrolle für die Schüler erfüllen sollen, dafür geeignet sind", sagte eine Ministeriumssprecherin.

"Geschichte nicht wegschließen"

Auch in anderen Bundesländern gibt es diese Diskussion. Oft ist das Problem, dass sich die umstrittenen Namensgeber nach dem Ende der NS-Zeit auf andere Weise etablierten. Manche Schulen zogen jedoch bereits Konsequenzen. So nannte sich eine Berliner Schule, die ehemals den Namen des Wehrmachtsgeneral Erich Hoepner trug, im vergangenen Sommer in Heinz-Berggruen-Gymnasium um. Und das Städtische Gymnasium im westfälischen Kreuztal legte kürzlich den Namen des Großindustriellen Friedrich Flick ab, der 1947 in den Nürnberger Nachfolgeprozessen als Kriegsverbrecher verurteilt worden war.

Gemser ist der Meinung: "Schulen sollten prüfen, wen man den Schülern als Vorbild geben kann." Wenn man eine Person aus der NS-Zeit wählen wolle, sei es idealerweise ein Mensch, der sich mutig gegen das Regime stellte oder sich zumindest von ihm abkehrte. Schulnamen seien auch bestens geeignet, NS-Opfern ehrendes Gedenken zu erweisen. "Diesen Maßstab, diesen Anspruch, muss man setzen dürfen." (AP)

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