Vielfältiges Miteinander

Schulalltag mit Kindern aus 39 Ländern

9. Februar 2009, 19:21
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    foto: reuters/thornhill

    Toronto - hier das Wahrzeichen, der CN Tower - ist mit rund 2,5 Millionen Einwohnern die größte Stadt Kanadas.

In den Schulen von Toronto wird kulturelle Vielfalt als Stärke gesehen - Für ihr Integrationsprogramm erhielten die Bildungsbehörden der kanadischen Metropole eine internationale Auszeichnung

Unter den kahlen Wohntürmen von North York wirkt die Forest-Manor-Schule wie eine helle, freundliche Oase. An den Wänden der Eingangshalle hunderte von bunten Turnschuhen aus Papier, und mittendrin ein Plakat: "Torontos Schulen in Bewegung". Auf den Gängen schwirren Kinder von Zimmer zu Zimmer. Für einen Betrieb mit 660 Grundschülern ist der Geräuschpegel erstaunlich niedrig. In dieser Vorstadt Torontos wohnen viele arme Immigranten. In Forest Manor können ihre Sprösslinge auf eine bessere Zukunft hoffen: Diese Schule ist auf die Integration von ausländischen Kindern spezialisiert.

Mit dem Sprachunterricht fängt alles an. Die Tür zu Darlene Hindleys Klassenzimmer steht offen. Unter den elf Kindern, die um die Lehrerin herum auf dem Teppich sitzen, nur ein einziges weißes Gesicht. "Die grüne Maus", sagt Frau Hindley, und die Kinder rufen im Chor "geht am Donnerstag." Ein Bub schweigt, hängt aber an den Lippen der Lehrerin. Der achtjährige Stephen Guo aus China, erzählt Darlene Hindley später, "ist eben erst in Kanada angekommen und spricht kein Englisch".

Für Forest Manor ist das kein Problem, sondern Alltag. Rund drei Viertel der Schüler hier sind Immigrantenkinder, sie stammen aus 39 Ländern. Neulinge wie Stephen Guo erhalten täglich eine Stunde Intensivunterricht auf Englisch. "Wir bringen ihnen zuerst ein Überlebensvokabular bei", sagt Frau Hindley. "Sie sollen ihre Adresse und Telefonnummer kennen, das Alphabet, Farben, Körperteile, Familienmitglieder, Dinge im Haus und was im Pass steht." Stephens maßgeschneidertes Programm steht auf einer langen Liste von Fördermaßnahmen an dieser Schule. Kein Kind geht unter.

Nur eine Tür weiter ein kleines Zimmer für den Einzelunterricht im Lesen. Eine siebenjährige Schülerin aus Asien liest große Buchstaben an einer Magnettafel Die Leselehrerin lobt sie für jeden Schritt. In Torontos Schulen wird individuelle Lernunterstützung von der Provinz Ontario finanziert. Sie gibt den Schulen Zuschüsse für die Vielfalt ihrer Leistungen: je mehr Immigranten, umso mehr Geld.

Modellcharakter bringt Geld

Anhar (8) spricht Arabisch. Jetzt lernt er gerade Zahlen auf Englisch. In Anhars Klassenzimmer gibt es Bilderbücher auf Arabisch, mit englischer Übersetzung auf derselben Seite. Dasselbe in Farsi, Koreanisch, Chinesisch, in jeder erdenklichen Sprache. Die Forest-Manor-Schule konnte sich diese Bücher aus einem Sonderzuschuss der Provinzregierung von rund 600.000 Euro kaufen, weil sie zur Modellschule erkoren wurde.

Mit diesem Geld kann sie jetzt auch noch mehr Fachkräfte finanzieren. Lehrerin Hanna Davidson ist an diesem Morgen nicht die einzige Erwachsene in ihrer 1. Klasse. Eine Beschäftigungstherapeutin beobachtet einen autistischen Buben. An einem der runden weißen Tische sitzt auch eine Sprechlehrerin. Und eine bezahlte Lehrassistentin kümmert sich während jeder Schulminute ausschließlich um Stone, einen aus China stammenden Buben mit Verhaltensproblemen. Zusätzlich hilft eine Sozialarbeiterin Stones Familie.

Alle 16 Schüler dieser Klasse gehören ethnischen Minderheiten an. Schulvorsteherin Debbie Smith kennt fast jedes Kind beim Namen. Vor allem vergisst sie keines, das auf der "Risiko-Liste" steht. Das sind Schüler, über die das Lehrerkollegium zweimal im Monat auf der Suche nach den besten Fördermaßnahmen spricht. Stone kommt den Gang entlanggeschlendert. "Das machst du schon viel besser" , sagt die Direktorin, "früher bist du immer gerannt." Stone drückt sich wortlos an ihr vorbei. Lehrerin Hanna Davidson korrigiert ihn sanft: "Schau Frau Smith an, sie hat dir soeben ein Kompliment gemacht." In Forest Manor wird auch soziales Verhalten geübt.

Manche Kinder stammen aus Kulturen, in denen direkter Augenkontakt vermieden wird, sagt die in Jamaika geborene Lehrerin Andrea Francis. "Dann sagt man ihnen: Es ist okay, wenn du mir in die Augen siehst." In anderen Familien verstößt Singen oder Tanzen gegen die Religion. "Wir versuchen, allen Religionen und Bräuchen entgegenzukommen", sagt Andrea Francis. Die Kinder sollen stolz auf ihre Herkunft sein. Es hilft, dass einige der Lehrkräfte aus Ländern wie Korea, Serbien, China oder Iran emigriert sind. "Wir kennen die Situation der Kinder aus eigener Erfahrung", sagt Francis.

Umzug schafft Probleme

Mittagspause. Im Schulhof deutet Debbie Smith auf einen der grauen Wohnsilos. Sie hat dort Familien besucht und deren Armut kennengelernt: Kisten statt Möbel, Tücher vor den Fenstern. Wenn die armen Immigranten dann ein bisschen Geld gespart hätten, zögen sie in bessere Viertel, und mit ihnen die Schüler, sagt Smith. Dieser ständige Wechsel erschwert die Bemühungen der Lehrer enorm. Aber die Direktorin sieht das als gegeben, man macht das Beste daraus. Sie selbst, Mutter von zwei Kindern, ist eine Konstante: Schon seit elf Jahren leitet sie die Schule.

Eine junge Frau mit Kinderwagen kommt lächelnd auf sie zu, Aliya Rizva aus Pakistan. Zwei ihrer Kinder besuchen die Forest Manor School. Sie war auch jüngst auf einem von der Schule organisierten Grillfest. "Ich kann mit den Lehrern über alles reden", sagt Aliya. "Ich fühle mich wohl in der Schule, es ist wie ein Zuhause."

Forest Manor ist Treffpunkt und Anlaufstelle für die Eltern. Neben dem Lehrerzimmer haben zwei Settlement Workers ihr Büro, vom Immigrationsministerium bezahlte Helfer beim Einleben in Kanada. Eine von ihnen erklärt gerade zwei Müttern aus dem Iran die Schulstruktur. Die Schule hat Dolmetscher in dreizehn Sprachen.

Torontos Schulbehörden erhielten für ihre Integrationsbemühungen im Vorjahr den Preis der deutschen Bertelsmann-Stiftung. "Wir sehen die kulturelle Vielfalt nicht als Problem, sondern als Stärke", sagt Chefbeamter Lloyd McKell in seinem Büro in North York. Das vielfältige Miteinander beflügle die Schüler. Kanada brauche Immigranten, die schnell auf dem Arbeitsmarkt reüssierten. "Wir sind bereit, Ressourcen und Geld für Schüler einzusetzen, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, als Kanadier erfolgreich zu sein."

McKell, selbst in Trinidad geboren, will aber die Zahl jener senken, die die Schule abbrechen. In manchen Bevölkerungsgruppen sind es 40 bis 50 Prozent. Torontos Losung: "Wir bestrafen nicht, wir kommen ihnen entgegen." (Bernadette Calonego aus Toronto/DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2009)

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16 Postings
Placebo
 
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Man vergisst oft, dass Van der Bellen oft nach kanadischem Vorbild Integration betreiben würde. Leute die nicht einmal wissen wo Kanada auf der Karte zu finden ist sehen darin eine Türkisierung Österreichs. Aber diese Form der Integration würde diese

Türken (und alle anderen) mehr zu Österreichern machen – und als echte Kulturbringer, denn davon HÄTTEN sie doch einiges – anstatt das, wozu sie mehr oder weniger von unseren integrationsresistenten Politikereliten gemacht werden. Als Teil der bildungsfernen Shcicht, aus der einfach nicht viel werden kann. Das sieht man doch an den Österreichern auch. Je niedriger die BIldung, umso...jetzt bin ich Inländerfeind. Wurscht.

Placebo
 
00
WO sind die Leut' die behaupten Multi-Kultie würde nicht funktionieren, obwohl so ziemlich jedes Land schon Multi-Kulti ist? Mehr oder weniger.

eliza sommers
02
14.2.2009, 19:31
auch kanada ist nicht das "gelobte land" oder so

aber man muss es den kanadiern lassen dass ihr immigrations- und integrationssystem sehr gelungen ist. das hängt wohl auch damit zusammen, dass kanada seinen status als einwandererland einfach akzeptiert hat... und dass die kulturelle vielfalt nichts ist, wofür man sich schämen müsste, sondern viel mehr ein aushängeschild für ein freies, weltoffenes land.

http://derstandard.at/Text/?id=2929020

wie govind rao so schön sagt: "Es kostet nichts, zu EinwanderInnen zu sagen: 'Wir schätzen Ihren Beitrag zur kanadischen Gesellschaft, Ihr kulturelles Erbe ist nun ein Teil Kanadas und daher sollten Sie es Ihren Kindern weitergeben. Und: Fühlen Sie sich zu Hause.'"

Erzwo Dezwo
 
14
10.2.2009, 15:18

Warum denn in die Ferne schweifen?

Man sehe sich doch nur mal das Beispiel der VS Darwingasse im 2. Bezirk an. Dort wird die Vielfalt auch als Bereicherung und nicht als Gefahr gesehen. Die multikulturellen Feste, Kochbücher und CD´s sind ein Beweis dafür, dass mit ein wenig Willen (von allen Seiten) etwas positives geschaffen werden kann.

hans reinsch
78
10.2.2009, 14:37

Diese Propagandaartikel sind wirklich herzig, versuchen sie doch uns Österreichern die "Bereicherung" durch unsere bildungsfernen türkischstämmigen "Mitbürger" mit blick auf das edle und fortschrittliche Kanada schmackhaft zu machen. Dort sieht man "Vielfalt als Chance" und alle sind glücklich. Vielleicht sollten "unsere" Türken besser nach Kanada ziehen?

Placebo
 
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Unsere 30% bildungsfernen Österreicher bitte nicht vergessen. Wenn jeder dritte Österreicher ungewillt ist kann sich eine Minderheit noch so den Hintern aufreissen. Das geht nicht.

hellwyr
01
14.2.2009, 17:13

sie müssen wissen rechte türkInnen oder rechte österreicherInnen macht kein unterschied... beide starr unwillig ...etc ...

Harry Meier
 
23
10.2.2009, 17:10
Ich höre recht oft Leute über türkischstämmige

.. Menschen schimpfen. Fragt man dann die Leute etwas genauer, dann können die rational gar nicht erklären warum sie diese eigentlich nicht mögen.

Können sie uns vielleicht erleuchten, warum sie türkischstämmige Menschen nicht mögen?

Shiraneko
23
10.2.2009, 18:09
Sehr leicht...

Also:

"Wieviele türkischstämmige Menschen sind ihnen jemals negativ aufgefallen?"
gegen
"Wieviele Asiaten/Europäer/Amerikaner/<Ethnie ihrer Wahl hier einfügen>".

Das nach Daumensprung mal Pi in Prozenten, und sie werden es wissen.

Als persönliches Beispiel:
1) In meiner Zivildienstzeit hatte ich einen türkischstämmigen Kollegen. Dieser machte seine Arbeit extrem schleißig, schlief oftmals während der Arbeit ein, und wurde nicht müde, uns von einer Propaganda-Website namens [Harun Jahjah] zu berichten. Achja, und Japaner und alle anderen stammen von den Türken ab.

2) Während meiner Schulwegsicherung hatte ich nie Probleme mit österreichischen Kindern. Raten sie mal, wer die Probleme machten.

Dies sind alles Fakten, ich bürge dafür.

Placebo
 
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@Shiranto: Du kennst wohl keine Asiaten etc. Und es ist auch die Anzahl. Die einen fallen viel stärker auf, die anderen sind kaum unter anderen und fallen nie auf, egal was sie tun.

waterpistolriot
50
13.2.2009, 13:19

eine runde mitleid? nur langweilig.

du bist auch sicher einer von denen, die sich wundern, warum österreicher für nazis/rassisten gehalten werden, nicht? ist so ziemlich dasselbe prinzip...

politisch verfolgt
00
10.3.2009, 18:07
danke

ich fragte mich nach der schilderung von poster shiraneko schon, wo denn der rassismusvorwurf bleibt. denn alles, was nicht nach "ich liebe tüprken" klingt ist doch rassismus, wie wir hier wissen.

Wahl 09
02
10.2.2009, 10:26

danke für dieses beispiel. hier sieht man wieder einmal: erfolgreiche einwanderungsländer stellen so früh wie möglich sicher, dass die landessprache beherrscht wird. im umgang mit den menschen respektiert man ihre herkunft und ihre kultur.

bei uns: man hilft den leuten nicht deutsch zu lernen oder fordert dies nicht ein bei menschen, die sich weigern, mit der begründung man dürfe ja nicht in ihre kultur eingreifen. als ausgleich respektieren wir dafür ihre herkunft nicht.

da zeigt sich eben der unterschied zwischen erfolgreichem einwanderungsland und österreich. (und leute, die nach kanada gehen, würden ja nach österreich gar nicht kommen.)

ehagleitner
 
04
11.2.2009, 16:31
fehlende Einwanderungspolitik in Österreich

Kanada zeigt uns seit vielen Jahren wie es geht. Gezielte Evaluierung welche Einwanderer mit welcher Ausbildung und Fertigkeiten braucht das Land und der derzeitige Arbeitsmarkt, Fokus auf schnelle Integration - auch der Kinder - auf Erlernen der Sprache, Kultur und politisches System, Vermeidung von Immigranten-Ghettos. Toleranz und Respekt vor Leistung unabhängig von der Herkunft.
Rat an unsere verantwortlichen Politiker mit Englischkenntnissen. Steigt ins nächste Flugzeug, studiert das kanadische "best practice"-Modell und setzt es - abgestimmt auf Österreich - schnellstmöglich um!

Wahl 09
01
12.2.2009, 17:01

richtig - und wichtig ist dabei ihnen zehnmal zu sagen, das ganze PAKET, nicht einzelne teile herauspicken, die gerade schön ins programm oder weltbild passen.

politisch-unkorrekt
00
10.2.2009, 09:58
"In den Schulen von Toronto wird kulturelle Vielfalt als Stärke gesehen.."

in der AIS in wien ebenfalls....es gibt einige ganz simple aber extrem wirkungsvolle rezepte für ein fulminantes gelingen: rassismus ist immer und durch alle jahrgänge hindurch ein zentrales thema in allen gegenständen, geschichtsunterricht bezieht sich nicht auf habsburger sondern wird ausschließlich in globalen zusammenhängen vermittelt und diskutiert. und vielleicht das wichtigste: religionsunterricht ist strikt untersagt! dort kommt niemand auf die idee sich über die religiöse oder ethnische zugehörigkeit eines mitschülers lustig zu machen, er nimmt sie ja nichtmal richtig war. denn spätestens inmitten von hundert verschiedenen kulturen sind alle gleich. und ich bin mir sicher, dass dies nicht nur in einer privatschule möglich ist

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