Späte Distanz zum Shoah-Leugner

9. Februar 2009, 19:04
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Die Pius-Bruderschaft entzieht ihrem umstrittenen Bischof Williamson die Leitung des Priesterseminars in Argentinien - Der belgische Kardinal Godfried Danneels würde sich als Papst für die Causa entschuldigen

Buenos Aires/Berlin/Rom - Nach Tagen weltweiter Proteste angesichts der Holocaust-Leugnungen von Mitbruder Richard Williamson wagte sich am Montag die erzkonservative Pius-Bruderschaft erstmals aus der Deckung - und setzte ein klares Zeichen: Richard Williamson wurde als Leiter eines Priesterseminars in Argentinien abgesetzt. Williamson sei bereits mit 31. Jänner von seinen Pflichten an der Spitze des Seminars La Reja entbunden worden, teilte das Oberhaupt der Bruderschaft Pius X. in Lateinamerika, Pater Christian Bouchacourt, mit. "Monsignore Williamsons Äußerungen reflektieren in keiner Weise die Haltung unserer Gemeinschaft", lies Bouchacourt weiters verlautbaren.

Williamson, seit 1988 exkommuniziert, leitete seit 2003 das Priesterseminar in dem Ort La Reja westlich von Buenos Aires. In einem Interview mit einem schwedischen Fernsehsender merkte der Brite an, historische Fakten sprächen gegen die Existenz von Gaskammern. Es seien nicht sechs Millionen Juden von den Nazis ermordet worden, sondern 200.000 bis 300.000 - aber keiner von ihnen in Gaskammern. Dennoch hob Papst Benedikt XVI. zwei Tage nach Ausstrahlung des Interviews die Exkommunikation von Williamson auf, was dem Vatikan eine weltweite Empörungswelle sicherte.

Papst trifft Schönborn

Der Papst forderte Williamson daraufhin zu einem Widerruf der Holocaust-Leugnungen auf. Diesen lehnte der 68-Jährige vorerst ab. Williamson begründete in einem Interview mit dem Spiegel seine Verweigerung des vom Papst geforderten Widerrufs damit, dass er zunächst die historischen Beweise für millionenfachen Mord an den Juden prüfen wolle. Williamson: "Und wenn ich diese Beweise finde, dann werde ich mich korrigieren. Aber das wird Zeit brauchen." Rasch wurde hingegen die Klage des umstrittenen Lefebvre-Bischofs gegen den schwedischen TV-Sender Sveriges Television AB vom zuständigen Landesgericht Nürnberg-Fürth in einem Schnellverfahren abgewiesen. Williamson wollte mit der Klage die Ausstrahlung des umstrittenen Interviews außerhalb Schwedens untersagen.

Indes empfahl der belgische Kardinal Godfried Danneels dem Papst, sich beim jüdischen Volk zu entschuldigen. Die Holocaust-Leugnung durch Williamson sei inakzeptabel, sagte der Erzbischof am Sonntag. Danneels: "Wenn ich Papst wäre, würde ich mich entschuldigen." Williamsons Äußerungen seien eine Beleidigung des jüdischen Volkes. Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag Kardinal Christoph Schönborn empfangen, wie der Vatikan am Montag ohne weitere Angaben mitteilte. Auch seitens der Wiener Erzdiözese gab es keinerlei Stellungnahme. Die jüngsten kirchlichen Personalentscheidungen dürften aber wohl Thema gewesen sein.

Rechte Publikation

In Zusammenhang mit den aktuellen Diskussionen taucht nun auch ein Gastbeitrag des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papstes, Josef Ratzinger, in dem Buch "1848 - Erbe und Auftrag" des rechtsextremen Aula-Verlags auf. Der Kardinal beschäftigt sich unter anderem mit dem seiner Ansicht nach falschen Freiheitsbegriff der Gegenwart. Laut Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) ist der Herausgeber des Sammelbandes Otto Scrinzi, ehemaliger SA-Sturmführer, Ex-NSDAP-Mitglied und Ex-FPÖ-Nationalratsabgeordneter.

Grün-Abgeordneter Karl Öllinger, der das Buch nun wieder vorlegte, zeigte sich über das Umfeld, in dem Josef Ratzinger publiziert hat, "entsetzt". (APA, red, dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2009)

 

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