Boomsport Skitouren: Der Ruf der weißen Wildnis

9. Februar 2009, 18:58
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Rund 700.000 Österreicher sind mittlerweile zumindest hin und wieder Skitourengeher - Die Industrie jubelt über zweistellige Zuwachsraten

Stuben/Wien - Uli Starl strahlte über das ganze Gesicht. Und wenn der 25-jährige Eventtechniker noch Luft bekommen hätte, hätte er wohl versucht zu jodeln. So aber stand der Wiener auf dem Gipfel des 2529 Meter hohen Maroiköpfles am Arlberg - und war "einfach glücklich: Das ist ja echt geil."

Das Maroiköpfle war die erste Skitour des Tontechnikers. Obwohl: Genau genommen war das keine "echte" Tour. Denn der Gipfel liegt gerade 150 Höhenmeter über dem Sessellift. Und der Weg zum Gipfelkreuz ist Trampelpfad. Doch denen, die hier erste Tourenluft schnuppern, geht es so wie Starl: "Ich bin selbst raufgegangen." Und beim Blick auf die "Ameisen", die sich in der Ferne über die Pisten wälzen, kam die Erleuchtung: "Das hier ist schöner."

Die Erkenntnis liegt im Trend: Rund 700.000 Österreicher, schätzt Karl Posch, pfeifen zumindest zeitweise auf die beheizten "Bubble"-Sessellifte. "Tourengehen", frohlockt der Obmann des "Österreichischen Fachverbandes für Wettkampfskibergsteigen" (Askimo), "boomt: Immer mehr Menschen suchen auch im Winter Natur und Ruhe - und wollen trotzdem Action." Und es sei, so Posch, kein Zufall, dass "unter den jungen Neo-Tourengehern viele im Sommer Mountainbike fahren."

Touren-Trend ist messbar

Der Touren-Trend, bestätigen Handel und Tourismus, ist messbar: "Wir haben seit zehn Jahren im Tourenbereich immer zweistellige Umsatzzuwächse", erklärt Florian Grösswang, Marketingchef bei Intersport Eybl. Zum einen, weil immer mehr Menschen "das Doppelerlebnis Aufstieg und Abfahrt" entdecken. Zum anderen, weil es eine Materialrevolution gab: "Die Ausrüstung wird immer funktionaler und leichter - und weil immer mehr junge Leute ins Gelände fahren, wird Outdoor-Equipment auch modischer: Es wird längst auch in den Städten getragen - als Statement für einen Way of Life."

Freilich: In absoluten Zahlen - die Grösswang nicht nennt - kann das Tourenvolk der Liftszene den Rang nicht ablaufen. Dennoch sind die "Selbstaufsteiger" für Touristiker interessant. Auch wenn "seine" 16.000 Nächtigungen pro Saison Ischgl oder Obertauern wohl erheitern, weiß Oswald Fürhapter. Fürhapter ist Geschäftsführer des Tourismusverbandes der Osttiroler Gemeinde Innervillgraten. Der Ort präsentiert sich "liftfrei", als Tourengeher-Dorado: "Vor zehn Jahren hatten wir nicht einmal halb so viele Nächtigungen."

Doch auch dort, wo man nicht ausschließlich auf Tourengeher setzt, erkennt man das Potenzial, erläutert Stefan Astner vom Tourismusverband Hohe Salve (Region Kitzbühel): "Immer mehr Skifahrer kombinieren ein paar Pistentage in Kitzbühel - und ein paar Touren im Umland." Darauf gelte es mit Bedacht zu reagieren: "Damit steigt die Belastung für die Natur. Wir erarbeiten deswegen ein EU-Leader-Projekt: eine Tourenkarte, die alle Interessen berücksichtigt."

Rücksicht, betont Askimo-Chef Posch, stehe zum Trend nicht im Widerspruch: "Individualität hat Grenzen. Und trotzdem ist dieses Naturerlebnis authentischer als alles, was die Piste bieten kann." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 10.2.2009)

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    "Authentischer als alles, was die Piste bieten kann": Wer sich die Gipfel selbst "erarbeitet", lernt auch Respekt vor Natur und Bergwelt.

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