Die Relevanz der "tobenden Internet-Foren"

9. Februar 2009, 18:38
21 Postings

Speziell in der Voggenhuber-Diskussion tauchte die Internet-Gemeinschaft als neuer großer Player auf. Problematisch ist, dass dabei anonyme Postings wie repräsentative Meinungen betrachtet werden

Der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen wurde kürzlich bei Armin Wolf in der "ZiB 2" mit einem Posting konfrontiert, in dem die Grünen als "Kampf-Emanzen-Partei" bezeichnet wurden. Zu diesem Meinungsklima im Internet musste Van der Bellen in der Sendung Stellung beziehen.

Auch im Standard bzw. auf derStandard.at wird die Lancierung des angeblichen Geschlechterkampfes bei den Grünen vereinzelt mit den "tobenden Foren" begründet, nachzulesen und zu sehen u. a. im aktuellen Rau-TV auf derStandard.at. Hans Rauscher stilisiert darin die tatsächlich umfangreichen Postings unter einschlägigen Artikeln zum "Aufruhr im Wahlvolk" hoch, dem sich die Chefin der neuen Grünen doch bitte stellen müsse.

Aus Sicht einer politischen Journalistin mit Schwerpunkt auf Frauenpolitik und sogenannten "Gender-Themen" gilt es über diesen neuen medialen Kunstgriff, die Relevanz von Themen über das Ausmaß der Internet-Diskussion zu bestimmen, ein paar Anmerkungen zu machen:

Das eine betrifft die Gleichsetzung von Foren-Diskussionen mit repräsentativen Meinungsumfragen, konkret: die nicht überprüfte Annahme, in Internet-Foren eine für die Gesellschaft repräsentative Meinungslage vorzufinden. Diese zugegebenerweise verlockende Vorstellung widerlegt allerdings der Umstand, dass sich UserInnen von Websites anonym anmelden können und dies gleichzeitig, so oft sie wollen. In wahlkampfbewegten Zeiten werden deshalb gerne "Kampfposter" aus den Parteizentralen in politische Internet-Foren geschickt - massenhaft. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie Internet-Foren manipulativ eingesetzt werden können, um "Stimmung zu machen".

Der zweite Punkt betrifft die Verhandlung von sogenannten "Geschlechterfragen" im Internet. Beim feministischen Online-Medium dieStandard.at konnte in den vergangenen Jahren genügend Erfahrung darüber gesammelt werden, was es heißt, gleichstellungspolitische Forderungen in einem Massenmedium zu publizieren.

Tatsächlich ist alles, was mit Geschlecht oder den Geschlechterverhältnissen zu tun hat, ein "Reizthema" in Foren - und das nicht erst, seit Herr Voggenhuber sich selbst zum letzten Gorilla im Nebel stilisiert hat. So wie das "Wahlvolk" seinen Unmut über eine "weibliche Übernahme" bei den Grünen äußert, so lehnt dasselbe, glaubt man der Mehrheit der Postings, auch die Forderung nach gleichem Lohn, nach Frauenquoten in Vorständen, nach Frauenförderungsmaßnahmen allgemein ab.

Mehrheit für Todesstrafe?

Wie gesagt, die Schlussfolgerung ist falsch, weil in Internet-Foren nicht von Repräsentativität gesprochen werden kann. Doch selbst wenn, so wie es u. a. Wolf und Rauscher mit ihrer Argumentation nahelegen: Müssten wir uns deshalb gegen Gleichstellungsmaßnahmen stellen? Wenn in Foren die Todesstrafe für Gewaltverbrecher gefordert wird, hieße das, dass wir sie wieder einführen müssen? Und wenn unter Artikeln zu straffällig gewordenen MigrantInnen deren Ausweisung gefordert wird, handeln wir dann auch in diesem Sinn?

All das wird tagtäglich in Internet-Foren zum Teil mehrheitlich gefordert. Herr Wolf, Herr Rauscher und die vielen anderen Medienmenschen, die sich auf die "tobenden Internet-Foren" verlassen, um Meinungen zu emanzipatorischen Fragen wie etwa Geschlechtergerechtigkeit einzufangen, machen nicht nur einen fachlichen Fehler, sondern schlagen sich mit ihren Ansichten auch auf die Seite der "Mehrheit": Wenn sie dagegen ist, dann kann an der Entscheidung / der politischen Forderung doch etwas nicht in Ordnung sein.

Mit einer solchen Argumentation wird aber einer auf gesellschaftliche Emanzipation ausgerichtete Politik jede Grundlage entzogen. Der "Skandal", den eine erstmals mehrheitlich weibliche Parteiführungsspitze in Österreich nach sich zieht, hat wieder einmal verdeutlicht, dass die Causa Gleichberechtigung doch noch nicht im gesellschaftlichen Mainstream angekommen ist. (Ina Freudenschuß, DER STANDARD, Print, 10.2.2009)

Die Autorin ist die Ressortleiterin von dieStandard.at.

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    Grüner Europaparlamentarier Johannes Voggenhuber im Spiegel der Medien: Die Geschichte vom letzten Gorilla im Nebel und der zähe Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter.

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