"Wir wollen keinen Bürgerkrieg"

9. Februar 2009, 18:06
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Im Streit zweier Politiker um die Macht bleibt die Bevölkerung der Inselrepublik Madagaskar auf der Strecke

Seiner jüngsten Provokation hatte Andry Rajoelina (34) einen besonders jugendlichen Anstrich gegeben. Statt zu einer politischen Kundgebung lud der ehemalige DJ und gefeuerte Bürgermeister von Madagaskars Hauptstadt Antananarivo zu einem Konzert mit beliebten Musikern. So waren mehr als 20.000 vor allem junge Anhänger des charismatischen Redners dabei, als er auf dem größten Platz der Stadt seine neue "Übergangsregierung" vorstellte. Zum neuen Präsidenten hatte Rajoelina sich schon eine Woche zuvor gekürt. Doch als er zum Marsch auf den Präsidentenpalast aufrief, endete der Machtbeweis als Blutbad.

"Wir haben friedlich demonstriert" , berichtet Jocelyn Ratolojanahary, die am Montag mit einer bandagierten Hand im größten Krankenhaus der Hauptstadt sitzt. "Dann, ohne Vorwarnung, haben die Sicherheitskräfte das Feuer auf uns eröffnet." Auf TV-Bildern ist zu sehen, wie Polizei und Militär wahllos in die Menge schießen. Als die Masse in Panik flieht, werden Demonstranten zu Tode getrampelt. Mindestens 28 Oppositionsanhänger kamen nach Polizeiangaben ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt. Verteidigungsministerin Cecile Manorohanta trat am Montag aus Protest zurück. Doch trotz der Verluste hat Rajoelina neue Proteste angekündigt: "Das Blut wurde nicht umsonst vergossen, wir werden weitermachen bis zum endgültigen Sieg."

Die Demonstranten, die am Samstag vor dem Präsidentenpalast förmlich niedergemäht wurden, sind die jüngsten Opfer des erbarmungslosen Machtkampfes zwischen Rajoelina und Präsident Marc Ravalomanana. Insgesamt sollen in den vergangenen Wochen in der Inselrepublik vor der afrikanischen Küste mehr als 125 Menschen ihr Leben verloren haben. Es ist die schlimmste Krise seit sieben Jahren, als Ravalomanana an die Macht kam und sich einen Namen als Hoffnungsträger für das heruntergewirtschaftete Land machte.

Ravalomanana ist der größte Unternehmer des Landes. Sein Mischkonzern Tiko durchdringt alle Wirtschaftszweige. Das Präsidentenamt nutzt er geschickt, um seine Marktposition auszubauen und seinen Reichtum zu vergrößern.

Den wachsenden Unmut nutzte Rajoelina für seinen Aufstieg. Der wegen seiner rasanten Art "TGV" genannte Politiker verspricht den Wandel - und ist Ravalomanana dennoch ähnlicher, als er zugeben will. Außer zwei Werbeagenturen besitzt Rajoelina auch eine Radio- und Fernsehstation, Viva, die für den Boss die Werbetrommel rührt.

Ein schnelles Ende der Krise ist nicht zu erwarten. Ravalomanana gehen die Anhänger verloren. Steigende Preise und die Toten auf den Straßen haben bereits viele bisherige Rajoelina-Fans umgestimmt. "Wir wollten jemand, der näher am Volk ist", sagt ein Jugendlicher. "Wir wollten keinen Bürgerkrieg." (Marc Engelhardt aus Antananarivo/DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2009)

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    Aufgebahrte Todesopfer in einer Sporthalle in Antananarivo

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