"Wir leben in einer Zeitenwende"

9. Februar 2009, 17:50
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KTM-Chef: Produktion der Kfz-Zulieferer wird auch nach Krisenende niedrig bleiben

Mattighofen/Wien - Stefan Pierer, Vorstandschef des Motorradherstellers KTMund Boss der Industrieholding Cross (Polytec, Pankl Racing, Eternit, Austria Email, Kästle, Beko, Brainforce etc.) sieht in der aktuellen Krise weit mehr als nur ein vorübergehendes Problem für die Autobranche und ihre Zulieferer. Er erwartet vielmehr, dass danach nichts mehr so sein wird wie zuvor: "Wir leben in einer Zeitenwende" , formuliert er im Gespräch mit dem STANDARD, "überall in der Zulieferindustrie werden die Mengen zurück gehen und zwar nachhaltig - wir rechnen mit einem Rückgang von 20 Prozent. Die Autoindustrie wird vollkommen neu aufgestellt werden."

Vom derzeit von der Branche so stark nachgefragten Instrument der (staatlich geförderten) Kurzarbeit alleine hält er deswegen wenig, man müsse als Player der Fahrzeugindustrie jetzt Strukturen ändern. "Die Frage ist, was tun die Unternehmen während der Kurzarbeitsphase?" KTM ist, wie berichtet, seit einem halben Jahr dabei, 300 Stellen (davon 150 Zeitarbeiter) in Oberösterreich zu streichen. "Wir müssen die minus 20 Prozent durchziehen", sagt Pierer. "Und dann schauen Sie einmal in den Lkw-Bereich, dort betragen die Umsatzrückgänge derzeit minus 60 Prozent."

Pierer prognostiziert, dass die lokalen und regionalen Zulieferstrukturen gestärkt aus der Krise hervorgehen würden, da sich aufgrund der gesunkenen Mengen die Stückkosten erhöhen und sich so längere Transportwege nicht mehr rechneten. "Die Lieferketten werden wieder kürzer."

Kurzarbeit könne lediglich eine kurzfristige Überbrückungshilfe sein, das finden auch vom Standard befragte Experten der Unternehmensberatung AT Kearney. Deren Österreich-Chef Robert Kremlicka sagt, dass nun "schnell und rigoros" Flexibilisierungsmöglichkeiten geschaffen werden müssen (was auch die Industriellenvereinigung fordert, Anm.), damit man "mit der Belegschaftsvertretung auf Betriebsebene auch über Lohnanpassungen reden" könne.

In dem Zusammenhang seien auch die 22,5 Millionen Euro Staatsgeld, die für die heimische Verschrottungsprämie (1500 Euro, 750 vom Staat) "nicht mehr als ein Placebo" für den Handel, der Industrie werde sie hierzulande wenig helfen. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Abwrackprämie (2500 Euro pro Altfahrzeug) laut AT-Kearney-Autoexperte Martin Haubensak "zu wirken beginnt" , vorerst vor allem für Hersteller kleinerer und mittlerer Autos. Ungeachtet dessen erwartet Haubensak eine "Konsolidierungswelle in horizontaler Richtung" , also unter Zulieferern. Vor allem jene, die "over-leveraged" seien, also zuletzt zu viel Fremdkapital aufgenommen hätten, könnten ihre Eigenständigkeit verlieren.

Die Nachrichten vom Jobabbau in Österreichs Zulieferindustrie rissen indessen am Montag nicht ab: Die Vorarlberger "Carcoustics Austria GmbH" hat 50 Mitarbeiter zur Kündigung angemeldet - wegen Umsatzrückgängen von je 40 Prozent im Dezember und Jänner. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.02.2009)

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