"Die Verluste stehen von Anfang an fest"

9. Februar 2009, 17:37
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"Alle, alle lieben dich" , der neue Roman des US-Schriftstellers Stewart O'Nan, erzählt davon, wie eine Familie mit einer Katastrophe leben lernen muss

Standard: Mr. O'Nan, Ihr Roman "Alle, alle lieben dich" geht von der Geschichte eines Mädchens aus, das spurlos verschwindet. Warum haben Sie eine Perspektive gewählt, die sich auf die Erfahrungen der Familie und Freunde beschränkt?

O'Nan: Ich hatte immer diese Eröffnungsszene im Kopf: Ein Mädchen, das in einer Tankstelle arbeitet, wird mitten in der Nacht entführt. Die nächste Person, die diesen Ort betreten würde, sieht die Lichter, hört die Musik - aber niemand ist da. Vor drei Jahren verschwand dann der Bruder einer Bekannten aus Iowa. Sie hat dieselbe Qual der Larsons, der Familie des Romans, durchlitten. Ich begriff, dass es weniger um die vermisste Person als um die Menschen geht, die zurückgelassen werden.

Standard: Die Figuren bewältigen dieses Trauma unterschiedlich. Wollten Sie zeigen, dass es keine gültige Form der Verarbeitung gibt?

O'Nan: Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als einen individuellen Ausweg zu suchen. Bei den Larsons handelt es sich um eine konservative, durchschnittliche amerikanische Familie. Der Fall wird sie ein Leben lang begleiten. Das wissen sie - und das müssen sie zu ertragen lernen.

Standard: Die Larsons wählen einen sehr amerikanischen Weg: Sie wenden sich an die Community und an die Medien.

O'Nan: Dieser Do-it-yourself-Geist ist in der Tat sehr amerikanisch. Das Ich-werde-mich-in-einen-Experten-Verwandeln, obwohl sie die Konsequenzen nicht sehen und ihnen alles ganz neu erscheint. Sie halten es nicht aus, sich auf die Autoritäten zu verlassen.

Standard: Würden Sie zustimmen, dass Ihnen der Rückhalt aus dem Ort hilft, den Schmerz zu ertragen?

O'Nan: Vielleicht. Fran, die Mutter, wird zu einer öffentlichen Person. Sie macht ihre private Trauer zu etwas Gemeinschaftlichem, während Ed, ihr Mann, eher der einsame Kämpfer ist, der sich allein auf den Weg macht. Als er erkennt, dass er nichts erreicht, zieht er sich zurück, während Fran immer mehr in der Öffentlichkeit aufgeht. Das droht ihre Familie zu zerstören.

Standard: Das Buch breitet eine Art fragiler Normalität aus. Wie geht man an einen solchen Alltag heran?

O'Nan: Die Herausforderung lag tatsächlich darin, die Balance zwischen einem völlig irregulären Ereignis und dem ganz gewöhnlichen Alltag zu halten. Die Schwierigkeit dieser Normalität ist jedoch, dass sie zu Entfremdung führt. Lindsay geht zur Schule, sie hat ihre Freunde - aber sie bleibt immer die Schwester des vermissten Mädchens. Da ist dieser Druck von innen, den mit ihr niemand teilt.

Standard: Ihre Sprache ist sehr nüchtern. Sie schildern präzise die Lebensumstände, emotionale Ausbrüche meiden Sie dagegen.

O'Nan: Die Emotion soll vom Leser kommen. Die Sprache muss genügend Raum lassen, um eigene Erinnerungen, Gefühle und Ideen darüber einzubringen, wie man in einer solchen Situation handeln würde. Ich wollte den Leser nicht mit Emotionen überschütten. Das Buch imitiert die Wellenbewegungen des Lebens. Vieles darin baut auf der Spannung zwischen Erwartung und Wirklichkeit auf.

Standard: Auch in anderen Büchern beschreiben Sie immer wieder, wie Katastrophen in den Alltag einbrechen. Zeigen Menschen in Extremsituationen eher ihr Wesen?

O'Nan: Menschen offenbaren sich, wenn sie unter Druck geraten. Allerdings geht es in meinen Büchern um sehr unterschiedliche Katastrophen: Mein erster Roman Engel im Schnee ergründet, was Menschen zu einer Gewalttat treibt. In Alle, alle lieben dich erzähle ich davon, wie wir es von einem Tag zum nächsten schaffen. Die Verluste stehen hier von Anfang an fest. Wir verlieren die Menschen, die wir lieben. Wir akzeptieren das. Doch wie gelingt es, die Hoffnung zu wahren? Darum geht es in meinen letzten Büchern - um diese Frage der Beständigkeit.

Standard: Die Schauplätze Ihrer Bücher sind sehr spezifisch. Wie wichtig ist die Recherche?

O'Nan: Sehr wichtig. Da ich Bücher schreibe, die auf eine gewisse Art realistisch sind, in diesem Fall sogar hyperrealistisch, möchte ich sichergehen, dass alle Details stimmen. Alles soll sich so anfühlen, so aussehen, so riechen, wie es für die Figuren richtig erscheint. Ich war auch immer von dieser Gegend um den Lake Erie fasziniert. Ich bin wie ein Location-Manager eines Films unterwegs und mache Fotos, ich spreche mit den Leuten etwa über den Wohnungsmarkt. Meine Frau sagt immer, ich schreibe die Romane nur, damit ich die Recherche machen kann.

Standard: In einem Artikel haben Sie unlängst den Niedergang der US-Industrie beklagt. Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Wirtschaftskrise als Ausgangspunkt für ein Buch zu nehmen?

O'Nan: Letzte Nacht ist eigentlich so ein Roman: Es geht um den Manager eines Restaurants. Die Unternehmensführung entscheidet, es zu schließen. Ihm bedeutet es aber sehr viel, weil er zehn Jahre lang dort gearbeitet hat. Er identifiziert sich mit dem Job - und droht nun seine Identität zu verlieren. "Wer bist du?" und "Was machst du?" - das meint in Amerika fast dasselbe.

Standard: Mit Obama hat Amerika den Glauben an sich wiedergefunden. Verfügt er aber auch über die Mittel für einen Neubeginn?

O'Nan: Es sieht schlecht aus. Andererseits ist auch die Wirtschaft von einem gewissen Glauben abhängig. Aber niemand, wirklich niemand vertraut im Moment der Wirtschaft. Amerika produziert nichts mehr von Wert. Unser bester Exportartikel sind Jobs, die wir nach Mexiko und nach China verschicken. Umgekehrt steigen die Lebenskosten in Amerika. Die Mittelklasse lebt vom Kredit. Der amerikanische Traum bestand einmal darin, als Arbeiter zu beginnen, sodass man das Geld ansparen konnte und die Kinder bessere Aufstiegschancen haben. Diese Zeit scheint definitiv vorüber zu sein.

(Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 10.02.2009)

 

Stewart O'Nan: Alle, alle lieben dich. 416 Seiten / 19,90 Euro. Rowohlt, 2009.

  • "Die Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen einem
irregulären Ereignis und dem Alltag zu halten" - Stewart O'Nan über
seinen Roman "Alle, alle lieben dich".
 
Zur Person:Stewart O'Nan (48) wurde in Pittsburgh geboren und war
Flugzeugingenieur, bevor er Literatur studierte. Für sein Debüt "Engel
im Schnee" wurde er mit dem Faulkner-Preis ausgezeichnet. Neben Romanen
schreibt er auch Sachbücher ("Der Zirkusbrand" ).
    foto: corn

    "Die Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen einem irregulären Ereignis und dem Alltag zu halten" - Stewart O'Nan über seinen Roman "Alle, alle lieben dich".

     

    Zur Person:
    Stewart O'Nan (48) wurde in Pittsburgh geboren und war Flugzeugingenieur, bevor er Literatur studierte. Für sein Debüt "Engel im Schnee" wurde er mit dem Faulkner-Preis ausgezeichnet. Neben Romanen schreibt er auch Sachbücher ("Der Zirkusbrand" ).

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