Die Raupe möchte Falter sein

9. Februar 2009, 17:28
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Als Themenverfehlung endet Karin Beiers Burgtheater-Inszenierung von Caldérons "Das Leben ein Traum"

Anstatt die Frage nach dem Wesen von Herrschaft zu stellen, ordert das Bachler-Theater Unverbindlichkeiten.

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Wien - Das Prinzenerziehungsprogramm von Caldérons "Comedia" Das Leben ein Traum ist eigentlich ein unzumutbarer Skandal. Caldéron erzählt in den 1630er-Jahren ein schwarzpädagogisches Barockmärchen: Wer es sieht, sollte sich, mit Blick auf den unwandelbaren Lauf der Gestirne, sofort die Augen reiben. Wer es dennoch glaubt, wird nur insofern selig, als er die Nase in verstaubte Folianten hineinstecken muss, um überhaupt zu begreifen, worum es geht. (Karin Beiers fahrlässiger, weil politisch blinder Burg-Inszenierung sollte man besser gar keinen Glauben schenken, wie sich herausstellen wird.)

Prinz Sigismund - Nicholas Ofczarek führt das Drama des begabten Kindes als genussvollen Tagtraum eines schauspielerisch allerdings erschreckend verwahrlosten Anstaltszöglings vor - erlebt mehrere Geburten.

Erst wird er aufgrund hässlicher Voraussagen in einen Turm gesperrt. Hierauf wird er genötigt, für die Dauer eines Tages anstelle seines Vaters Basilius (Peter Simonischek) die Staatsgeschäfte zu führen. Darauf, weil er sich erwartbar unmöglich beträgt, sperrt man ihn wieder weg.

Im Bann der Suggestion

Der arme Tropf steht im Bann einer allerdings unbezwinglichen Suggestion: Was wäre, wenn er jeweils beide Möglichkeiten, Allmacht ohne Maß oder Elend ohne Ende, lediglich träumte? Sigismund, der den Einflüsterungen seines schartigen Erziehers (Martin Reinke) erwartbar erliegt, kann nicht mehr klar unterscheiden: Bin ich es, der da träumt? Werde ich bloß geträumt, und wenn ja: Wer oder was gäbe die Instanz ab, die darüber bestimmen könnte, ob ich "gut" geträumt werde - als König - oder "böse" - als Anstaltsinsasse im Schlabberwollpullover?

Wer sich dergleichen Luxusfragen stellt und diese nicht sogleich an die Hirn- und Kognitionsforscher weiterleitet, der sitzt erwartbar fest im Staatstheater. Der- oder diejenige sitzt aber auch einigen Missverständnissen auf, sofern man Politik als Handlungsraum für Machtvollkommenheit begreift. Regisseurin Karin Beier räumt die ganze Spielfläche leer (Welttheater!) und stellt ein paar Industriesessel um das leere Geviert (Bühne: Thomas Dreißigacker). In dessen Mitte verrenkt Ofczarek seine Gliedmaßen, als müsse aus der Pulloverlarve ein prinzlicher Zitronenfalter herausschlüpfen. Sein Vater (Simonischek) stakst auf Krücken herum und erzählt vom Experiment an seinem Sohn wie von einem Rohrgebrechen.

Aus Angst vor der Haltung

Weil aber Caldéron die ganze Barockwelt mit seinen katholischen Priester-Armen fest umfasst hielt, wenn er über einen schlichten Prinzen erzählte, probiert Beier, die sichtbar keinen Draht zum Stoff findet, ungefähr zwei Dutzend möglicher "Haltungen" aus. Sie räumt ein ganzes Streicherorchester auf die Bühne, damit auch leichtlebige Domestiken (Myriam Schröder, Johannes Krisch) ihre Bögen an die Voluten ihrer Violinen legen dürfen. Der Narr Clarin (Michael Wittenborn) würzt das undurchschaubare Geschehen mit proletoiden Weisheiten, und die wunderbare Christiane von Poelnitz (als Rosaura) gibt das liebesleidige Bürgermädchen: ein Kessel voller halbgarer Ideen und Zitate, komplett nur mit Elvis-Gürtel als Wampenschmuck am Bauch des Prätendenten. Ansonsten dominieren wohlfeile Medienverlautbarungskritik - und ein paar harmlose allegorische Bilder.

Es war Hofmannsthal, der an der Neufassung des Sigismund-Stoffes in allen Ehren scheiterte: Sein Turm überragt bis heute alle heimischen Königsdramen. Bachlers Burg reklamiert mit einer schlampigen Reminiszenz ein Wunder: Stell dir vor, die Welt kollabiert, und niemanden bekümmert es! (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 10.02.2009)

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    Neulich, bei Caldéron, im Burg-Warenlager: Christiane von Poelnitz und Nicholas Ofczarek.

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