Schuhwerfer: "Nicht schuldig"

10. Februar 2009, 18:51
52 Postings

Deutscher, der Chinas Premier Wen Jiabao attackierte, in Cambridge vor Gericht

Den Bart hat er abrasiert, statt Brillen trägt er Kontaktlinsen. Und Martin J. (27) gibt sich wortkarg - anders als bei dem Zwischenfall, für den er sich an diesem regnerischen Dienstag morgen vor dem Magistratsgericht im englischen Cambridge verantworten muss. Außer seinem Namen und seinem College an der Elite-Uni sagt der Doktorand aus Deutschland nur zwei Worte: "not guilty", nicht schuldig.

Das wirkt auf den ersten Blick erstaunlich, schließlich kann die ganze Welt auf YouTube sehen, was Martin J. zu Monatsbeginn während der Rede des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao gemacht hat: Er ließ eine Trillerpfeife ertönen, zog sich den grauen Adidas-Schuh vom linken Fuß und warf ihn in Richtung des Redners; der Treter landete etwa einen Meter vom Podium entfernt. "Dies ist ein Skandal. Wie kann sich die Universität für diesen Diktator prostituieren?" rief er, ehe ihn die zahlreichen Chinesen im Publikum niederschrien.

Für dieses Verhalten - offenbar eine Kopie des irakischen Journalisten, der den damaligen US-Präsidenten George Bush mit beiden Schuhen beworfen hatte - steht Martin J. nun vor Gericht. Genauer gesagt lautet die Anklage auf "bedrohliches Verhalten mit dem Zweck, Gewalt zu provozieren"; im schlimmsten Fall stehen darauf sechs Monate Gefängnisstrafe und 5000 Pfund Geldbuße. Mag sein, dass der Deutsche sein Verhalten weder bedrohlich findet noch Gewalt provozieren wollte und sich deshalb unschuldig fühlt. Genaues weiß man nicht, das Gericht fragt auch nicht nach. Wie in England üblich wird die Verhandlung um vier Wochen vertagt.

Stumm verlässt Martin J. das Gerichtsgebäude, lässt sich von den Kamera-Teams beim Gang durch ein Einkaufszentrum filmen, beantwortet aber keine Frage. Erst als der Pulk weg ist, bleibt er stehen und sagt dem Standard: "Bitte verstehen Sie, dass ich erst etwas sagen kann, wenn das Verfahren abgeschlossen ist."

Auch bei der Universitätsverwaltung spielt man auf Zeit. Über ein mögliches Disziplinarverfahren gegen den Biochemiker, der im Pathologie-Institut arbeitet, werde "erst entschieden, wenn der Prozess abgeschlossen ist", sagt ein Sprecher. Positiv für Martin J. dürfte sich auswirken, dass er nach Gesprächen mit den Verantwortlichen in seinem College der chinesischen Botschafterin in London einen Brief geschrieben hat. Er bitte das chinesische Volk und den Premierminister um Entschuldigung, heißt es darin: "Mein Verhalten ließ den Respekt und die Höflichkeit vermissen, die einem Gast der Universität zustehen." Auch habe er "nicht die Absicht gehabt, das chinesische Volk zu beleidigen" . Den Vorwurf, bei Wen Jiabao handele es sich um einen Diktator, lässt der Protestierer hingegen unerwähnt - wohl ein Hinweis darauf, dass er seine Meinung nicht geändert hat.

Devotheiten gegenüber Peking

Von Seiten der Uni sei kein Druck auf Martin J. ausgeübt worden, beteuert der Sprecher. Freilich ließ es die Vizerektorin Alison Richard in ihrem eigenen Entschuldigungsschreiben nicht an Devotheiten gegenüber dem hohen Gast vermissen. Immerhin studieren jedes Jahr mindestens 600 Rotchinesen in Cambridge; ihre Studiengebühren liegen deutlich höher als die Beiträge, die britische und EU-Studierende entrichten müssen. Im 800. Jubiläums-Jahr der Institution versucht Cambridge intensiv weitere Studenten aus Hongkong zu gewinnen. Eine dauerhafte Verstimmung der kommunistischen Machthaber wollen die Uni-Verantwortlichen ebenso wenig provozieren wie die Regierung unter Premier Gordon Brown, der sich ebenfalls schriftlich bei Wen Jiabao entschuldigte.(Sebastian Borger aus Cambridge/DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Martin J. hält Wen weiter für einen Diktator, gibt aber Mangel an Respekt zu.

Share if you care.