Glassplitter

8. Februar 2009, 20:03
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Er habe, gab der Mann am Nebentisch zu, schon über Musik gesprochen - Aber nicht über hohe, sondern über tiefe Frequenzen

Es war am Mittwoch. Bei der Aufwärmrunde für den Falco-Abend. Obwohl ich eigentlich glaube, dass der Mann am Nebentisch nicht zu jenen gehört, die im U4 einen Toten hochleben lassen. Aber von Musik hatte der Mann Ahnung - auch wenn das mit dieser Geschichte in keinem ursächlichen Zusammenhang steht.

Wir saßen im MQ. Im Glaskobellokal. Reichlich unspektakulär: Das Lokal war voll, der Abend kam ins Laufen - und das war es schon. Bis es knallte. Plötzlich und ziemlich laut. Einer der beiden Männer am Nebentisch schrie kurz auf. Und auf unserem Tisch glitzerte es plötzlich.

Scherben

Nicht nur da: Auch auf der Bank und am Boden lagen Scherben. Und in S. Salat. Und auf dem Tisch nebenan lag etwas, was wir - auch die Männer am Nachbartisch - zunächst für einen Eisklumpen hielten: Glasig, aber nicht durchsichtig. Sondern mattweiß und durchzogen.

Und weil ringsum Teile lagen die nach Glas-Granulat aussahen, dachten wir alle, dass irgendetwas Eisiges mit Wucht die Glasdecke durchschlagen haben müsse. Und dass ein Rest davon jetzt hier auf dem Tisch läge - umgeben von Verbundglasresten: Dass Eisklumpen von Flugzeugen fallen, soll schon vorgekommen sein. Aber dass so ein Trumm am Nebentisch einschlagen würde, überraschte dann doch.

Baldachin

Doch da das Dach über uns aus Glas war, schien das die einzig logische Erklärung. Bloß: Unter dem Glasdach hängt eine Art Baldachin. Und der bewegte sich nicht. Er hatte auch weder Loch noch Riss. Und das, was wir für Es hielten, lag zwar in einer Wasserlache - aber als der Mann am Nachbartisch hingriff, rief er: „Das ist ja auch Glas!"

Und dann erkannte sein Begleiter, dass da nichts von oben gekommen war: „Dein Glas ist explodiert." Der Andere hatte Fragezeichen im Gesicht: „Wie ‚explodiert'? D war nur Wasser drin war. Nicht einmal Eiswürfel. Und ich hatte es nicht in der Hand. Es stand nur da." Sein Freund nickte: „Ja eh - aber schau genau: Das da ist der Boden von einem Wasserglas. Und das, was rundherum verteilt ist, sind Scherben davon. Auch wenn sie aussehen wie aus einer Windschutzscheibe."

Fragmente

S. fischte Splitter aus dem Salat. Ich schob einen kleinen Scherbenhaufen in der Mitte des Tisches zusammen. N. wischte die verbundglasigen Fragmente von der Lehne der Bank auf die Sitzfläche und dann in einen leeren Teller. G. winkte nach dem Kellner.

Der schaute, als hätten wir mit einem Vorschlaghammer Kleinholz zu machen versucht. Wir konnten es ihm nicht verdenken: Wie und warum ein stinknormales Wasserglas nach zehn Minuten am Tisch zur Splitterbombe wird, konnten wir uns, einander und ihm schließlich auch nicht erklären.

Kein Spiel

Ob das ein Jux oder ein Spiel sei, fragte er. Alle verneinten. Ob das Glas jemandem runter gefallen sei, fragte er. Alle verneinten. Ob jemand irgendwas ins Glas geworfen, dagegen geschlagen oder sonstigen Unfug getrieben habe, fragte er. Alle verneinten. Ob es hier eine versteckte Kamera gäbe, fragte er. Alle verneinten. Ob wir - wir sahen, dass der gute Mann wirklich nach Erklärungen suchte - denn eventuell Koloraturen gejodelt oder sonst wie mit Hochfrequenztönen experimentiert hätten? Alle verneinten.

Obwohl, warf der Mann vom Nachbartisch ein, eines stimme schon: Er habe gerade über Musik gesprochen. Aber nicht über Koloratursoubretten und das hohe C, sondern über Johann Sebastian Bach. Ja, den alten Thomaskantor. Genauer: Über die Kunst der Fuge. „Tokata und Fuge, wir sprachen über die Tokata in D-Moll", sagte der Mann - und fügte fast schuldbewusst hinzu: „Ich bin Organist."

Basso Continuo

Und obwohl der Kellner gar nicht böse schaute, nahm S. ihn in Schutz: „Das ist doch diese Tiefton-Sache, oder? Basso Continuo und all das, was man am Pedal spielt, wenn ich mich richtig erinnere." Der Organist nickte: „Ja. Da vibriert alles - aber nicht, wenn man nur drüber spricht."

Der Kellner gab zu, vor einem Rätsel zu stehen. „Gläser sind bei uns noch nie explodiert. Das wüsste ich." Dann ging er, kam mit Besen und Schaufel zurück, befreite uns von den Trümmern und brachte neue Getränke. S. fragte noch, ob wir denn eventuell Pappbecher haben könnten. Aber der Kellner tat, als habe er nicht gehört.

Rundfrage

Am nächsten Tag fragten wir dann kundige Menschen in unserem Umfeld: Physiklehrer, Wissenschaftsjournalisten, unsere allwissenden Leitartikler, TV-Leute. Sogar den, der sich selbst „Hauptmoderator" nennt. Wie und wieso harmlose Gläser plötzlich bersten, konnte uns jedoch keiner erklären. Aber in einem waren sich all diese kompetenten, aufgeklärten und anerkannten Köpfe einig: Da sie von derlei bisher weder gehört noch es mit eigenen Augen gesehen hätten, könne es nur eine Erklärung geben: Das ganze sei unmöglich. Wir hätten uns etwas ausgedacht. Und wollten sie verarschen. Netter Versuch. Und aus.

Zwei Tage später schrieb S. ein Mail: Die Sache sei ja nicht wirklich wichtig. Und habe vermutlich auch eine ganz schlichte Erklärung. Aber trotzdem hinterlasse es ein komisches Gefühl, von intelligenten Menschen (wenn auch freundlich und lächelnd und ohne böse Folgen) zu Lügnern oder Phantasten erklärt zu werden - bloß weil man etwas erlebt hat, was nicht in ihren Erklär- und Erlebniskosmos passt. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 9.2.2009)

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