Prinzip Selbstzerstörung

8. Februar 2009, 19:18
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Schilddrüsenerkrankungen verlangen fächerübergreifende Zusammenarbeit

Eigentlich sollte sich das Immunsystem gegen schädliche Eindringlinge stellen und Abwehrstoffe gegen Bakterien, Viren und Pilze produzieren. Das Immunsystem kann sich aber auch irren, dann bildet es Antikörper gegen eigene Körperzellen, man spricht von Autoimmunkrankheit. Wie es zu Fehlprogrammierungen des Abwehrsystems kommt, ist noch nicht geklärt.

Die Deutsche Gesellschaft für Autoimmunerkrankungen nennt mehrere mögliche Auslöser: Virusinfekte, Medikamente, Umweltfaktoren, Vererbung der Veranlagung oder den Verlust der Immuntoleranz, der Fähigkeit des gesunden Organismus, körpereigene Bestandteile von fremden zu unterscheiden.

Bei einer Immunthyreopathie wenden sich die Antikörper gegen die eigene Schilddrüse. Ob ein Morbus Basedow (Überfunktion) oder eine Immunthyreoiditis Typ Hashimoto (Unterfunktion) vorliegt, kann über die Antikörper im Blut festgestellt werden.

Bei 90 Prozent der an Hashimoto Erkrankten finden sich erhöhte TPO-AK, Tg-AK bei bis zu 60 Prozent. Positive TRAK sind ein Hinweis auf Morbus Basedow. Bis zur konkreten Diagnose ist es aber oft ein langer Weg, weil es an Information bei Betroffenen und Wissen bei Ärzten fehlt.

Wer zahlreiche unspezifische Symptome hat wie Menschen mit autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen, macht es Ärztin oder Arzt nicht einfach. Maria Hohenthal, Sprecherin der Selbsthilfegruppe für autoimmune Schilddrüsenerkrankungen: "Menschen, die an Hashimoto oder Morbus Basedow leiden, stoßen auf großes Unverständnis, weil man ihnen die Krankheit ja nicht ansieht." Immer wieder sei man mit Vorwürfen konfrontiert wie: "Mit dir kann man nichts anfangen, du bringst nichts weiter, bist ja immer müde." Die vielfältige Symptomatik betrifft mehrere medizinische Fachgebiete, macht oft den Gang von Arzt zu Arzt notwendig.

Typische Symptome bei Hashimoto Thyreoiditis sind Müdigkeit, Frieren, Gewichtszunahme, Konzentrationsstörungen, Depression, trockene Haut, Muskel- und Gelenkschmerzen, bei Frauen Zyklusprobleme, bei Männern auch Störungen der männlichen Hormone. Eine häufige Komplikation ist die Insulinresistenz.

Therapiert wird Hashimoto durch den individuell abgestimmten Ersatz der fehlenden Schilddrüsenhormone.

Morbus Basedow zeigt sich durch Herzrasen, Schwitzen, Gewichtsabnahme, Unruhe, Zittern der Hände, Schlafstörungen, Haarausfall. Typisch sind gerötete, geschwollene oder hervortretende Augen, der Sehnerv wird angegriffen.

Durch Thyreostatika, schilddrüsenhemmende Medikamente, Radiojodbehandlung der Schilddrüse mit Hormonersatz oder die Entfernung der Schilddrüse wird Morbus Basedow therapiert.

Sich mit facettenreichen Krankheitsbildern wie jenem von Morbus Basedow zu beschäftigen ist für den Münchner Endokrinologen Armin Heufelder "zugleich Herausforderung und Privileg". Die Krankheit lasse sich in ihrer Komplexität am besten durch fächerübergreifende Zusammenarbeit von Innerer Medizin, Endokrinologie, Augenheilkunde, Immunologie, Psychologie und Neurologie fassen. Behandelt werden könnten bei beiden Erkrankungen nur die Symptome, eine ursächliche Therapie sei noch nicht möglich. (jub, DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2009)

 

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