Systemsteuerung im Hals

8. Februar 2009, 19:02
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Die Schilddrüse ist ein kleines Organ mit großer Wirkung. Funktioniert sie nicht mehr richtig, kommt der ganze Organismus aus der Balance. Früherkennung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie

Ohne Energie funktioniert gar nichts. Auch nicht der Körper. Ressourcenschonender Einsatz ist auch beim menschlichen Organismus angesagt. Die Energiesteuerungsanlage ist die Schilddrüse. "Sie stellt dem Körper genau die Energie zur Verfügung, die er gerade braucht, sei es im Schlafen, Wachen, während der Verdauung, im Fieber, bei hitzigen Diskussionen oder in den Lebenszeiten von erhöhtem Bedarf", beschreibt Katharina Krassnig, Homöopathin und Psychotherapeutin in Graz, das System. Die Wirkungen auf den Körper merkt man erst, wenn die Schilddrüse "aus dem Lot ist", sagt Wolfgang Buchinger, Internist und Nuklearmediziner, der das Institut für Schilddrüsendiagnostik und Nuklearmedizin Gleisdorf betreibt.

Die Zuordnung der vielfältigen Symptomatik zu einer Schilddrüsenerkrankung sei oft schwierig. Buchinger: "Über- und Unterfunktion entwickeln sich schleichend, das bekommt man als Betroffener anfänglich gar nicht mit." Wie erkennt man eine Unterfunktion? Wolfgang Buchinger nennt das Beispiel eines jungen Mannes: "Der hat bemerkt, dass er für den Weg zur Arbeit jeden Tag eine Minute länger braucht." Verlangsamung sei das Leitsymptom bei einer Unterfunktion, Müdigkeit, Antriebsschwäche, Konzentrationsstörungen, Depressionen. Frieren, Wassereinlagerungen, Verstopfung sind weitere Anzeichen.

Ganz anders verhält es sich bei einer Überfunktion. Sie macht sich durch Hyperaktivität bemerkbar und wird deshalb oft ignoriert. Denn, wer ständig auf Hochtouren läuft, will nicht krank sein. Buchinger: "Diese Leute gehen oft erst sehr spät zum Arzt, auch wenn sie einen Ruhepuls von 120 haben." Begleiter der Überfunktion sind erhöhte Temperatur, feinschlägiger Tremor (Zittern), Herzrasen. Buchinger: "Der Stoffwechsel ist erhöht. Die Menschen essen sehr viel, nehmen dabei aber ab."

Leichter zu erkennen sind morphologische Störungen wie Knoten oder Vergrößerungen. Wolfgang Buchinger: "Ein einfacher erster Schritt ist die Selbstuntersuchung." Dazu müsse man nur in den Spiegel schauen und prüfen, ob Knoten am Hals zu sehen sind. "Knoten im Areal zwischen dem Kehlkopf und der Drosselgrube können auf einen Kropf hinweisen." Auch Schluckbeschwerden, ein "Knödel im Hals" können Anzeichen sein. Da aber nur jeder zweite Knoten gesehen oder ertastet werden kann, ist die Ultraschalluntersuchung die exakteste Methode zum Nachweis oder Ausschluss von knotigen Veränderungen der Schilddrüse. "Knoten müssen per Szintigramm und eventuell Punktion weiter abgeklärt werden, um eine mögliche Krebserkrankung auszuschließen", empfiehlt der Schilddrüsenexperte.


Kritik an Jodprophylaxe

Die Anzahl der Schilddrüsen- erkrankungen, vor allem Autoimmunerkrankungen, steigt. In Deutschland leidet jeder Dritte an einer Schilddrüsenstörung, epidemiologische Daten für Österreich fehlen.

Eine der Ursachen wird in der Jodierung der Nahrungsmittel vermutet. In Österreich wird dem Speisesalz seit 1963 Jod zugesetzt, um den Kropf, die Jodmangelerkrankung in den jodarmen Alpen, einzudämmen. Die Schilddrüse braucht das Jod, um Hormone zu produzieren.

Die generelle Jodprophylaxe über das Speisesalz ignoriert aber den individuellen Bedarf. Ein Übermaß an Jod kann schaden. Selbsthilfegruppen sprechen von "Zwangsjodierung" und kritisieren fehlende Transparenz und Kennzeichnung der Lebensmittel.

Die Jodierung des Salzes habe Vor- und Nachteile, sagt Buchinger. Nachteil sei das Ansteigen der Hashimoto Thyreoiditis. Unbestritten sei aber, dass durch die Salzjodierung die Anzahl der Kropferkrankungen (Struma) und ihrer Folgeerscheinungen abgenommen habe.

Funktionsstörungen der Schilddrüse sind bei Früherkennung gut zu therapieren. Die Schulmedizin bietet Hormonsubstitution und Thyreostatika an. Die Homöopathie mit ihrem ganzheitlichen Ansatz bewährt sich als Begleitung, kann zur Verbesserung des Gesamtbefindens führen. Bei Autoimmunerkrankungen ist eine lebenslange Behandlung der Symptome notwendig, heilbar sind diese Krankheiten nicht. Die Gabe von Selen als Zusatztherapie bewährt sich vor allem bei Hashimoto-Patienten. Bei Morbus Basedow kann auch eine Radiojodbehandlung oder die Entfernung der Schilddrüse notwendig werden, ebenso bei Karzinomen. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 09.02.2009)

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