"Wir alle haben die Warnsignale übersehen"

8. Februar 2009, 18:55
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UniCredit-Chef Profumo befürwortet im STANDARD-Interview eine strengere Regulierung der Finanzmärkte

Nachgefragt hat Thesy Kness-Bastaroli.

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STANDARD: Der Philosoph Aristoteles sagte bereits, dass Finanzmärkte crashanfälliger als Realmärkte sind. War die Dominanz der Finanz- über die Realmärkte die Ursache der aktuellen Krise?

Profumo: Die Expansion des Finanzsektors war von einem breiten Konsens nicht nur in Bankkreisen, sondern auch in Wissenschaft, Politik und bei Aufsichtsbehörden gestützt. Die Überzeugung war, dass eine Vertiefung und Weiterentwicklung des Finanzsektors das Wachstum steigern und den Wohlstand fördern könne. Einige Punkte sprechen immer noch für diese Sicht. Aber wir müssen diese Vision grundlegend überdenken.

STANDARD: War die Krise aus Sicht eines Bankers voraussehbar?

Profumo: Rückblickend gab es sicher Warnsignale, die wir alle übersehen haben. Dazu zählt besonders der Anstieg der Verschuldung in manchen Segmenten. Beispiel dafür waren Immobiliendarlehen für private Haushalte in Ländern, wo die Vergabestandards auf ein nicht mehr vertretbares Niveau gesunken waren. Auch die globalen Ungleichgewichte von Finanz- und Handelsströmen hätten zu denken geben müssen: Etwa der übertrieben hohe Konsum in den USA und die hohen Ersparnisse in Asien. Das Wachstum basierte auf einer paradoxen Entwicklung: Ärmere Regionen finanzieren den Konsum der reichsten Länder.

STANDARD: Was hätte man tun müssen oder können, um die Krise zu vermeiden?

Profumo: Wir hätten bereits früher erkennen müssen, dass das System den Boden für künftige Probleme präpariert. Allerdings dominierte die Ansicht, dass Finanzinnovationen wie jene zur Risikomodellierung und Risikosteuerung genügend ausgereift waren. Der Instabilitätsfaktor wurde unterschätzt. Mit stärkerem Vertrauen auf die eigene Urteilskraft wären Systemschwächen leichter zu erkennen gewesen. Ein Indiz dafür ist, dass Banken in unterschiedlicher Intensität von der Krise betroffen sind. Ich glaube, dass es allen Beteiligten - Bankern, Aufsehern und Politikern - nicht gelungen ist, rechtzeitig konkrete Antworten zu finden.

STANDARD: Der neue US-Präsident Obama will die Märkte stärker regulieren. Ist das ein taugliches Mittel?

Profumo: Oberste Priorität haben Maßnahmen, die einen starken Rückgang des Konsums und somit einen Einbruch der Konjunktur verhindern. Zweites muss das Vertrauen in das Finanzsystem wiederhergestellt werden. Dies wird zweifellos eine intensivere Aufsicht der Marktteilnehmer erfordern. Wichtig erscheint mir, dass der Finanzsektor an der Entwicklung neuer Rahmenbedingungen mitwirkt. Die Herausforderung ist, die Rolle des Finanzsektors als Motor des wirtschaftlichen Fortschritts zu erhalten und gleichzeitig die Ursachen für die aktuellen Turbulenzen einzudämmen. Mit Barack Obama haben die USA die Chance, früher unwidersprochene Ansichten hinter sich zu lassen. Europa muss die Diskussion über die Grenzen von Einzelstaaten hinausführen. Wünschenswert wäre, dass eine vertiefte EU aus der Krise geht, die mit den USA die führende Rolle in der Welt spielt.

STANDARD: Die neoliberale Vorstellung, dass der Markt alles regelt, ist überholt. Was ist Ihr Gegenrezept zum Neoliberalismus?

Profumo: Ich habe nie an eine vollständige Selbstregulierung des Marktes geglaubt. Daher unterstütze ich Bemühungen um eine strengere und wirksamere Regulierung. Gleichzeitig kann ein Markt sich nicht allein auf Regeln stützen. Schließlich zeigt sich gerade in der Krise, dass zum Funktionieren eines Marktes - wie bei allen Beziehungen zwischen Menschen - auch eigenes Urteilsvermögen und persönliche Integrität, gegenseitiges Vertrauen und Streben nach Nachhaltigkeit erforderlich sind. Wir stehen vor einer Renaissance der Werte.

STANDARD: Was halten sie von den Staatsbeteiligungen an Banken?

Profumo: Die staatlichen Eingriffe waren nötig, um Zusammenbrüche von Banken und damit systemische Risiken zu vermeiden. Staatliche Kapitalbeteiligungen sollten nur als Übergangslösung mit möglichst geringer Einflussnahme gedacht und gestaltet sein. Über das Ziel der Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen herrscht im Wesentlichen Einigkeit. Klar ist in diesem Szenario aber, dass Eingriffe des Staates lang anhaltende Konsequenzen haben können. Investoren und Aufsichtsbehörden werden wahrscheinlich noch für einige Zeit komplex strukturierte Produkte mit Skepsis betrachten. Einer noch gründlicheren Prüfung der Kreditqualität kommt auch große Bedeutung zu.

STANDARD: Wann kommt Europa aus dem Dilemma wieder heraus?

Profumo: Die gesetzten Maßnahmen gehen in die richtige Richtung. Sollten sie sich, wie ich glaube und hoffe, als wirksam erweisen, könnte das Ende der akuten Phase der Krise bereits in Sicht sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2009)

Zur Person

Ein Jahrzehnt lang war der heute 51-jährige UniCredit-Bankchef Alessandro Profumo ein Star der europäischen Bankenszene. Als der gebürtige Genuese mit 39 Jahren zum CEO der damals eher schwerfälligen UniCredit ernannt wurde, war er der jüngste italienische Bankchef. Er erkannte als erster italienischer Banker das Potenzial in Osteuropa - der Grund, weshalb UniCredit HVB und Bank Austria erwarb. Diese Politik wird ihm nun vorgeworfen, da der Aktienkurs verfallen ist. Außerdem hat sich Profumo geweigert, bei der Alitalia-Sanierung mitzumachen, was ihm Wirtschaftsminister Giulio Tremonti übel nimmt. (tkb)

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    UniCredit-Chef Alessandro Profumo sieht strengere Kreditprüfungen und Skepsis bezüglich komplexer Bankprodukte als Reaktion auf die Finanzkrise.

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