Die Lawine von damals ist immer noch da

8. Februar 2009, 18:47
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Am 23. Februar 1999 kamen in der Lawine von Galtür 31 Menschen um - Die mediale Aufarbeitung der Katastrophe verärgert die Menschen

Galtür - "Ich sage nichts", erklärt ein Galtürer knapp: "Bei uns spricht nur der Bürgermeister - offiziell." Inoffiziell ärgern sich die Galtürer aber. Über die Medien, die vieles falsch dargestellt hätten. Weil sie nie vor Ort waren. Und auch über den Film "Die Jahrhundertlawine": Da stimme nichts.

Der Bürgermeister Anton Mattle (VP) erzählt, er sei von tv-movie vorab eingeladen worden, den Film zu sehen. "Eine klassische Geschichte: Der Bürgermeister ist Wirt und will die Touristen nicht verlieren." Mit ihm und dem Ort habe der Film aber absolut nichts zu tun. Nicht nur, weil im Ötztal gedreht wurde. Auch Wirt sei er keiner. Eine Liebesgeschichte habe es 1999 aber schon gegeben: Ein Verschütteter habe im Spital seine Zukünftige kennengelernt.

Dunkelheit, dann Stille

"Ich bin hier im Pfarrheim am Schreibtisch gesessen und alles hat gewackelt", beschreibt der 82-jährige Pfarrer von Galtür, Luis Attems, den Tag der Lawine. Es sei schlagartig dunkel gewesen - um vier Uhr nachmittags: Attems stand auf und sah sich im Pfarrhaus um. Er findet seine Köchin Maria schwer verletzt. "Sie war die Erste, die mit ausgeflogen wurde."

Bürgermeister Mattle erlebt den Lawinenabgang zwei Häuser weiter, im Gemeindeamt: "Ich habe sofort gewusst, es ist eine Lawine: der Staub, der Dreck, die Dunkelheit, die Stille."

Schon vor dem Unglück hatten "schwierige Wetterverhältnisse" im Paznauntal geherrscht. Wochenlang schneite es andauernd. Mattle ist auch Chef der Lawinenkommission: Immer wieder wird die Straße durchs Tal gesperrt. Im Ort selbst ist die Hauptstraße zu. Die Touristen werden zweimal pro Tag über die Wettersituation informiert. Jeden Abend gibt es Programm für die Eingeschneiten - gegen den Hüttenkoller.

Am Vormittag des 23. Februar 1999 ist das Wetter dann "nicht mehr so schlecht", erzählt Mattle. Trotzdem sind an allen "gefährlichen Ecken" Lawinenposten aufgestellt. Wo gesperrt ist, gibt es kein Durchkommen im Tal. Um 16 Uhr ist es so weit: Zwei Lawinen, die "Äußere Wasserleiter" und die "Weiße Riefe", donnern mitten in den Ort.

Die Häuser in der roten Zone des Gefahrenzonenplans bleiben nahezu heil. "Diese Häuser stehen länger, als es den Zonenplan gibt, sie sind sicher gebaut", erklärt Mattle. Schlimmer trifft es Häuser der gelben Zone. Am schlimmsten aber die Häuser im als "sicher" eingeschätzten Ortsteil. "Die Lawine war wie ein Oktopus", beschreibt Pfarrer Luis Attems: "Sie hatte ihre Arme überall im Ort."

Das Pfarramt wird dann zur Einsatzzentrale: "Alle waren immer wieder da, ständig läutete das Telefon", erzählt Diakon Karl Gatt. Während der damals 72-jährige Pfarrer das Telefon übernimmt, macht sich Karl auf den Weg ins Dorf. Am Abend gibt Bürgermeister Mattle die erste Zahl bekannt: 38 Vermisste

Stündlich werden Lebende und Tote geborgen. "Alle haben zusammengeholfen", erzählt Attems: "Das war das Wunder von Galtür." Da waren etwa die dänischen Jugendlichen, die die Kirche ausgegraben hatten. Oder die vielen Ärzte, die sich unter den Touristen befanden. Diakon Karl erzählt, er habe nie mehr so viele Menschen "in die Arme genommen" wie damals. Worte hätten nichts genützt.

Der Ort sei zusammengerückt, sagt der Bürgermeister. Gäste, Verletzte und Toten werden ausgeflogen - und die Einheimischen "retteten, was noch zu retten war." Gemeinsam: Bis auf ein Haus werden alle wieder aufgebaut. So wie vorher - aber sicherer. Neu ist die Lawinenverbauung am Grießkopf - einem Berg, von dem nie zuvor eine Lawine abgegangen war. Neu sind auch der Wall, der den ganzen Ort schützt, und das "Alpinarium", eine in eine Lawinenmauer integrierte Gedenkstätte. Die Namen aller Opfer bleiben zum Gedenken eine "ewige Ausstellung".

Die Bewohner blieben. Weggezogen, sagt Mattle, sei wegen der Lawine niemand. "So falsch können wir es nicht gemacht haben": Es habe weder zivil- noch strafrechtliche Klagen nach dem Lawinenunglück gegeben. Und mit den Hinterbliebenen der verstorbenen Gäste habe er immer noch Kontakt: Viele kämen zu den alljährlichen Gedenkmessen.

Mittlerweile ist Galtür wirtschaftlich wieder dort, wo der Ort touristisch vor der Lawine war. Nach dem Unglück waren die Gäste ausgeblieben. "Wir mussten kürzertreten", erzählt Mattle, "auch das schweißt zusammen." Mittlerweile fühle sich der Ort bereit, "in die Zukunft" zu investieren.

Die Lawine aber bleibt präsent. Etwa in "schlechten" Filmen: "Dann rücken wir noch näher zusammen und ärgern uns gemeinsam", lacht Pfarrer Luis Attems. Und sein Diakon meint: "Das ist menschlich, über so etwas kann ich mich gar nicht mehr ärgern." (Verena Langegger/DER STANDARD, Printausgabe, 9.2.2009)

 

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    38 Tote in einer Gemeinde: Die Lawinenkatastrophe von Galtür jährt sich heuer zum zehnten Mal. Die Menschen blieben - und rückten zusammen: Über schlechte Filme ärgert man sich gemeinsam

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