Born to be wild - und dann doch nicht ganz

8. Februar 2009, 18:27
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Irrtümlich romantisch: Die österreichische Erstaufführung von "Die Reifeprüfung"

Wien - Wenn sich das Theater Meisterwerke der Filmgeschichte vorknöpft, ist schnell einmal Gefahr in Verzug. Nicht weil das Theater von vornherein über die schlechteren Mittel verfügte. Das Gegenteil wurde im letzten Jahrzehnt viele Male bewiesen, z. B. in Bühnenadaptionen von Thomas Vinterbergs Das Fest. Riskant wird es dann, wenn sich das Theater für diese Mittel weniger interessiert als für die Prononcierung eines nach Möglichkeit populären Stoffes.

Nun: Die Reifeprüfung (1967). Der mit Dustin Hoffman, Anne Bancroft und Simon & Garfunkel zum kulturellen Gedächtnis zählende Vorbote des New-Hollywood-Kinos, hat als Theaterversion anno 2000 mit Jerry Hall in der Rolle der Mrs. Robinson in London Uraufführung gefeiert. Das Wiener Volkstheater wagt es jetzt auch. Österreichische Erstaufführung war am Freitag.

Was will man also erzählen, wenn man Die Reifeprüfung heute fürs Theater aufzäumt? Von der moralischen Korruptheit zu Zeiten, in denen die Antibabypille neue sexuelle Perspektiven eröffnete? Vom waghalsigen Aufbegehren eines Collegeabsolventen gegen das deprimierende Establishment der Eltern-generation? Von der Sinnkrise, die einen orientierungslosen jungen Mann in einem ihm verordneten Vorstadtparadies befällt?

Für all diese Fragen interessiert sich Regisseur Felix Prader, doch bleibt sein vor semitransparen- ten Schiebewänden angesiedeltes Kammerspiel (Bühne: Werner Hutterli) eine nette sachliche Nach- erzählung, die dann allerdings falsch abbiegt: Im ohnehin schwächeren zweiten Teil kippt der Abend schwer nachvollziehbar zusehends ins Klamaukhafte. Felix Prader rettet sich und die Gunst des Publikums mit einem zwischendurch immer wieder von Born To Be Wild angefeuerten flotten Ablauf.

"Hello Darkness my old friend", heißt es in der Deprimierten-Hymne aus dem Soundtrack. Ein wenig grobschlächtig dagegen wirkt die Volkstheater-Lösung, die - und das ist ihr erkennbarstes Merkmal - den lyrischen Tonfall des Films hinter sich lässt und auf eine mehr oder weniger rasante Familienkomödie setzt. Die Zwischenräume des Werks bleiben außer Acht.

Den ins todlangweilige Elternhaus heimgekehrten Benjamin stattet Claudius von Stolzmann mit einer zur Hektik neigenden nervösen Grundbefindlichkeit aus. Die Krawattenenden baumeln ihm wie zwei Stricke vom Hals, wenn er versucht, den Avancen von Mrs. Robinson zu entgehen. Susa Meyer verleiht ihr den nötigen abgründigen Touch: Als atemberaubende Sixties-Schönheit umschließt sie ihr fatales Geheimnis so sachte, wie sie jenen edlen Pelzmantel um sich legt, den eine frustrierte Mittelstandshausfrau dann und wann als Trostpreis erhält.

Die Rolle der überfürsorglichen Mutter interpretiert Beatrice Frey außertourlich als Karikatur; Elaine Robinson wiederum verliert in der Darstellung Katharina Straßers einiges von ihrer Unschuld.

Zu sehr löst sich diese Reifeprüfung in eine x-beliebige, gar romantische Komödie auf: Ein Kuss und die richtigen Cornflakes ziehen den Schlussstrich. Eine Idylle, die sämtliche Behauptungen schmälert, wenn nicht auslöscht. Der Applaus war dennoch herzlich. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2009)

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    Folgt Mrs. Robinson (Susa Meyer): C. v. Stolzmann.

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