Ekstasen im Kaufhaus der Sounds

8. Februar 2009, 18:23
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Sängerin Tina Turner füllte an zwei Abenden die Wiener Stadthalle und bot eine üppige Greatest-Hits-Show

Ihre energetische Sangeskunst litt aber unter einer profillosen Band.

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Wien - Die offizielle Geschichte zum Wiedereinstieg in die rockige Arbeitswelt ist putzig: Freundin Sophia Loren hätte sie aus der Untätigkeit geweckt - mit der Ermahnung, ihr, Tina Turners Talent, stelle eine verdammte Verpflichtung dar. Also nichts wie zurück an die Rampe. Wird schon stimmen. Nirgends war jedenfalls zu lesen, dass die bald 70-Jährige, die schon zwei endgültige Abschiedstourneen hinter sich gebracht hat, im Zuge der Finanzkrise eine Vermögensschrumpfung erlitten hat (wie etwa die russischen Oligarchen) - und nun, mit dem Konzertreigen zum 50-jährigen Geburtstag ihrer Karriere, wieder etwas für ihr Konto tun muss.

Zwar gab es da 2008 einen Auftritt beim 15. Geburtstag von Gasprom, jener Firma, die unlängst Europa ein bisschen frieren ließ. Aber egal. Kann man das Comeback also nicht stichhaltig deuten, so war der mehrfache Bühnenabschied durch-aus verständlich. Zwar ist Musikmachen keinesfalls eine Frage des Alters. Im Gegenteil: Bei vielen Kapazundern war das Nachlassen der Kräfte immer auch mit einer Hinwendung zur Essenz ihrer Kunst verbunden, da für Äußerlichkeiten schlicht die Puste fehlte. Im Falle von Turner allerdings waren Musik und Präsenz immer an die Behauptung nie versiegender Ekstasekraft gekoppelt, die sich live als Entladung von Energiestau materialisierte. Das war schon damals so, als sie mit Ike Turner eine Hit-verzierte, aber privat desaströse Rhythm-&-Blues-Zeit hatte.

Und das blieb so, als sie in den 1980ern mit dem Album Private Dancer erfolgreich in den Rock-Mainstream wechselte und ihre hitzige Art des Lustschmerzgesanges in uniforme Sounds packte.

So geht es in der vollen Wiener Stadthalle (mit 12.000 Leuten) am Samstag nur nach der eher langen Pause im "Lagerfeuerteil" gelassen zu; nur dort zeigt die Seniorin sitzend, dass sie in akustischer Gitarrenumgebung Songs auch Tiefe und Intimität verleihen kann.

Der Rest dieser Greatest-Hits-Rückschau befasst sich aber doch nur mit dem Belegversuchen, die angehäuften Lebensringe könnten einem "Perpetuum mobile" nichts anhaben. Dazu bedarf es natürlich vieler Tänzer, die von Turner ablenken, auch einiger Umkleidepausen und obligater kleiner Gespräche mit dem Publikum.

Auch bluesige Hitze

Dazwischen zeigt Turner viel Bein, Emphase - und ja, ihre Stimme kann nach wie vor jene soulige, bluesige Hitze erzeugen, die nach einer derben direkten Klangumgebung schreit. Es scheint ja um vokale Enthemmung als Ventil für emotionalen Ausnahmezustand zu gehen, dies bräuchte entsprechende instrumentale Antworten. Doch leider: Es umgarnt Turner nur eine glatt-profillose Bandwolke aus Kaufhaus-kompatiblen Sounds, als ginge es darum, Eros Ramazzotti zu begleiten.

Das schmerzt. Ganz besonders bei River Deep, Mountain High, wenn man sich die irren Arrangements von Phil Spector (1966) in Erinnerung ruft. So versucht man hinzuhören (Stimme) und gleichzeitig wegzuhören (Band). Eine heikle Übung, die zu unbefriedigenden Ergebnissen führt - wie der Versuch, sich mit der Optik der Show zu trösten. Der vertanzte Kampf in dem Käfig, der an Turners Teilnahme am Film Mad Max - Beyond Thunderdom erinnern sollte, war ein bisschen peinlich. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2009)

  • Mit der Energie einer reifen Dame: Mainstream-Rockerin Tina Turner in der Stadthalle.
    foto: fischer

    Mit der Energie einer reifen Dame: Mainstream-Rockerin Tina Turner in der Stadthalle.

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