Probehäppchen einer Oper

8. Februar 2009, 18:13
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"Aida im Eis" als geraffte Vorschau auf die Bregenzer Festspiele

Vom Augenblick, da der ägyptische Heerführer sich in die äthiopische Sklavin verliebt, bis zum tragischen Ende der beiden in der Grabkammer verging gerade eine intensive halbe Stunde. In geraffter Form präsentierten die Bregenzer Festspiele und das Tourismusbüro Lech Zürs Verdis Oper Aida. Der Arienquerschnitt, eine Vorschau auf die Gesamtoper kommenden Sommer auf dem Bodensee, hatte am Freitag am Ortsrand von Lech Premiere. Zirka 2000 Besucher waren gekommen und harrten im Schnee stehend aus.

Nach wenigen Minuten schon vergaß man die Temperaturen im milden, aber doch Minusbereich. Die Synchronisierung zwischen der zugespielten Orchestermusik und den Sängern klappte problemlos. Diese, aufgrund der Open-Air-Bedingungen notwendigerweise mikrofonverstärkt, dominierten klar und - auf Italienisch - verständlich. Die Kostüme der Aida (Virna Sforza) und ihrer Gegenspielerin Amneris (Natascha Petrinsky) passten zum Originalschauplatz, lediglich der Wintermantel des Radames erinnerte eher an die Heimat des Sängers, Mikhail Agafonow aus Russland.

Die Liebesgeschichte ins alpine Eis zu verlegen ist zwar so naheliegend, wie die Bezwingung der Eiger-Nordwand an den Pyramiden zu inszenieren. Andererseits, warum nicht? Es ergab sich so zumindest die Chance, die Oper von allem Pathos der Kulissen und exotischen Tiere zu befreien. Stattdessen stellte ein steil aufragendes Monument aus Eis eine sozusagen kristalline Reduktion aufs Wesentliche dar; lediglich Lichteffekte, Dampf und Feuerwerk reicherten das Geschehen optisch wieder an, und ein kreisrundes Wasserbecken stand für das Nilufer. Die Zuschauer konnten sich auf die Soli, Duette und Duelle der Protagonisten konzentrieren.

Die Aida - am Sonntag wurde sie wiederholt - war die sechste jährliche Vorschau auf Bregenz, die sich Lech leistete. Sie ist Teil der Bemühungen der Touristiker, nach Jahrzehnten des Bau-Booms der Region eine andere Form der Wertsteigerung zu geben. Das Geld, das die wohlsituierte Zielgruppe hier sommers und vor allem winters abzulegen bereit ist, kann ja in kulturelle Kanäle fließen, so man sie bietet. Seit zwölf Jahren wertet das Philosophicum die Herbstsaison auf, seit kurzem können die Gäste eine kluge literarische Anthologie über Menschen in Arlberger Hotels lesen (siehe ALBUM vom 7. Februar). Und nun konnten sie, statt sich Drinks in der Frozen Icebar zu genehmigen, eben der gefrorenen Aida zuhören.

Zum fünften Mal inszenierte Dorothée Schaeffer ein Vorschau-Konzentrat fürs Lecher Publikum - immer mit wenigen Proben und viel Herzklopfen, wie sie sagt. "Auch diesmal hat nicht alles geklappt, ein Feuerwerk hat seinen Einsatz verpasst. Aber zum Glück wissen das die Zuseher nicht." Schließlich dient das Spektakel ja vor allem als Annonce. Die Leute sollen wissen, dass Aida von der Schneebühne auf die Seebühne übersiedeln wird. Am 22. Juli ist in Bregenz Premiere. (Michael Freund aus Lech, DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2009)

 

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