Geschichte kennt keine Gnade

8. Februar 2009, 18:04
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Die Vergangenheit ist auf der Berlinale höchst lebendig: In Taverniers Südstaatenkrimi "In The Electric Mist", in Schmids "Sturm" oder in Glawoggers "Das Vaterspiel"

 

Eine Frau hält einem Schauspieler ein Filmplakat zum Signieren hin. Er seufzt, der Film ist nicht sein liebster. Aber dann unterschreibt er, es ist schließlich für einen guten Zweck. Die Szene spielt sich so ähnlich vielleicht auch gerade irgendwo in Berlin ab. Hier gibt es zwar dem Vernehmen nach in diesem Jahr nicht mehr so viele glamouröse Partys, aber immer noch reichlich Filmschaffende sowie deren Fans, die vor Luxushotels und Premierenkinos warten.

Die Szene ist aber auch in einem Film zu sehen: Die Frau (Mary Steenburgen) baut mit anderen Freiwilligen wieder auf, was Hurrikan "Katrina" eingedrückt, abgedeckt und umgeblasen hat. Die 25 Plakate, die sie signieren lässt, sind etliche Dächer wert. Der Schauspieler (Peter Sarsgaard) hingegen ist Teil einer Filmcrew. Wie andere sogenannte "strukturschwache" Gegenden hat auch der US-Bundesstaat Louisiana erkannt, dass sich Investitionen in und Investitionsanreize für Filmprojekte lohnen können.

Der jüngste Film des Franzosen Bertrand Tavernier ist dort entstanden, nach Uneinigkeiten zwischen Produzent und Regisseur wurde er jetzt mit viel Verspätung vorgestellt. In In The Electric Mist sind es vornehmlich zwielichtige Geldgeber, die ins Illusionsgeschäft einsteigen wollen. Sie geraten ins Visier von Dave Robicheaux, der nach der Ermordung einer 19-Jährigen seine Ermittlungen aufnimmt. Tommy Lee Jones, der sich solche Figuren schon länger anzieht und sie inzwischen ausfüllt wie eine zweite Haut, spielt ihn. Er fährt in seinem Pickup über Land, hält da und dort, um mit jemandem zu reden. Manchmal gehen die Gespräche auch in Handgreiflichkeiten über, und noch seltener muss Robicheaux in die große Metallkiste hinten auf der Ladefläche langen, wo die Doppelläufige liegt.

Blutige Vergangenheit

Zwischendurch holt er sich Rat bei einem Konföderiertengeneral, der als freundlicher Untoter in den umliegenden Wäldern oder auch in Robicheauxs Garten campiert. Sie sind nicht die einzige Manifestation der (blutigen) Vergangenheit. Aber im US-Genrefilm - und einen solchen hat Tavernier letztlich gedreht - darf man noch an gebrochene, aber effiziente Helden glauben, die mit diesen Geistern zurande kommen. Schwerer hat es da schon Hannah Maynard (Kerry Fox) in Hans-Christian Schmids neuem Film Sturm, der wie In The Electric Mist im Wettbewerb zu sehen war. Nach Requiem, für den Sandra Hüller hier vor drei Jahren einen Schauspielerpreis holte, stellt Schmid nunmehr eine deutsch-dänisch-niederländische Koproduktion mit europäischer Besetzung und einem ebenso länderübergreifenden Thema vor: Maynard ist Staatsanwältin in Den Haag und übernimmt einen Kriegsverbrecherprozess gegen einen ehemaligen serbischen General.

Dabei hat sie längst nicht nur im Gerichtssaal zu kämpfen. Ihren Interessen als Juristin stehen politische, ökonomische und individuelle Interessen entgegen - ein Netz von Hierarchien und Abhängigkeiten, Kompromissen und Tauschgeschäften, das Sturm auslegt, feinmaschig gearbeitet, aber manchmal zu sauber gestrickt. Ein relevantes Thema, ein souverän inszenierter Film und ebenso souverän agierende Schauspieler. Trotzdem will sich, verglichen mit Requiem etwa, nicht dieselbe Intensität einstellen. Vielleicht, weil auch der Film sein eigenes Interesse einen Hauch zu kalkuliert verfolgt.

Sturm ist ein Originalstoff. Nicht wenige Berlinale-Beiträge basieren auf literarischen Vorlagen: Dave Robicheaux ist eine Erfindung des Krimi-Autors James Lee Burke (Im Schatten der Mangroven), Paul Schrader hat Yoram Kaniuks Roman Adam Hundesohn adaptiert und Stephen Frears' Cheri von Colette. Auch die österreichischen Spielfilme, die im Panorama Welturaufführung feiern, sind zuerst in Buchform erschienen:

Michael Glawogger hat Josef Haslingers Das Vaterspiel bearbeitet. Auch darin kommt die Vergangenheit nicht zur Ruhe, müssen sich die nachfolgenden Generationen mit den Taten der Väter und Großväter auseinandersetzen. Allerdings hat sich Glawogger für eine surrealere Umsetzung entschieden. Olga Neuwirth hat die Musik beigesteuert, die grobkörnig gezeichnete Autofahrten durch wildes Schneetreiben oder durch Stadtlandschaften schräg begleitet und einen immer wieder ein Stück weit aus dem Film hinausweht. Auf den Scheiben der Fahrzeuge wabern Spiegelungen, und die animierten Spielfiguren, die der Computernerd Ratz erfunden hat, kommen ihm auf der Straße in Hundertschaften entgegen.

Der Nazi im Keller

Anfänglich holpern die unterschiedlichen Erzählteile - die Zeugenaussage eines Holocaust-Überlebenden in den 50er-Jahren, ein Haus in New Jersey, in dessen Keller ein alter Nazi hockt, und die Zerrüttungen in einer Wiener Politikerfamilie - selber ein wenig nebeneinander her. Mit der Zeit wird ihre Verknüpfung plausibler, aber nicht nur die Diskrepanz zwischen der herumstöckelnden Kunstfigur Mimi und dem weichen, pointierten Zusammenspiel der Familie bleibt bestehen.

Wolfgang Murnberger schließlich ist mit Der Knochenmann seine beste Wolf-Haas-Verfilmung gelungen (Kinostart ist am 6. März): Diesmal verschlägt es Brenner, den natürlich Josef Hader spielt, zu einer Backhendlstation im steirischen Hinterland. Es beginnt kompliziert. Und es wird komplizierter. Mit Brenner, der sich die Haare rauft, nicht recht will, aber dann doch tut, was getan werden muss, würde sich wahrscheinlich auch der Kollege Robicheaux in Louisiana trefflich verstehen. (Isabella Reicher aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 09.02.2009)

  • Spielt einen Typen, den er schon oft dargestellt hat: US-Schauspieler
Tommy Lee Jones im Berlinale-Film "In The Electric Mist" als Ermittler
Dave Robicheaux.
    foto: berlinale

    Spielt einen Typen, den er schon oft dargestellt hat: US-Schauspieler Tommy Lee Jones im Berlinale-Film "In The Electric Mist" als Ermittler Dave Robicheaux.

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