Vernetztes Miteinander im Cyber-Pueblo

7. Februar 2009, 16:28
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Die spanische Gemeinde Jun zeigt vor, wie Teledemokratie und E-Government gelebt werden können. Allen voran der Bürgermeister, der emsig bloggt und sich per Webcam über die Schulter blicken lässt

Jun, ein Vorort Granadas in der hügeligen Vega gelegen, unweit Viznar, wo im Sommer 1936 Häscher Francos den Dichter Federico García Lorca ermordeten und verscharrten, zählt heute rund 2600 Einwohner. Das typisch-weiße, andalusische Dorf ist "Europas Geburtsort der Aktiven Teledemokratie", seit am 28. Juli 2001 der damalige EU-Kommissionschef Romano Prodi diesen Titel verlieh.

Digitale Öffentlichkeit

In Jun hat jeder Bürger mindestens ein Handy, jeder meist drahtloses Internet. Bereits am 27. Dezember 1998 bekannte man sich sichtbar in der digitalen Öffentlichkeit zu dem globalen Motto "Internetzugang ist ein Grundrecht der Einwohner", wofür Jun weltweites Medienecho erntete. Der sozialistische Bürgermeister José Antonio Rodriguez Salas lässt sich bei Sitzungen per Webcam über die Schulter blicken. Dies und sein Web-Tagebuch zur Lokalpolitik brachte ihm jetzt den "Besten Blick(winkel)"-Preis ("Las mejores Miradas") ein, ein Blog-Award, der alljährlich vom staatlichen spanischen TVE vergeben wird.

Eigener Fersehkanal

"Der Blog kann in Zeiten sinkenden Vertrauens gegenüber Politikern helfen, die Funktion des Systems transparenter zu machen", begründet Salas sein Engagement, auch elektronisch mit den Bürgern zu interagieren. Klarerweise gibt es in der Gemeinde auch einen eigenen Fernsehkanal: Jun.tv - eine Art Youtube und die in politischen "Change"-Zeiten quasi obligate Facebook-Seite, mit der spanischen Konkurrenz Tuenti - will doch der virtuelle wie reale Dorfchef niemanden ausgrenzen. Freie Software leistet bereits in Juns mobiler Verwaltung bürokratische Bärendienste für die Bürger, für die die von Salas forcierte "Aktive Teledemokratie" Realität ist. So können in Krisenzeiten Arbeitslose in Juns Techno-Gemeinde ihren Videolebenslauf auf Salas' Blog stellen.

"Bürgerhilfe"

Bereits 2004 sorgte ein angedachtes, aus Rechtsgründen umbenanntes "policia.net" für Furore. Die Idee blieb als "Bürgerhilfe" erhalten. Dabei werden per SMS-Hinweis vorgebrachte "Probleme" unbürokratisch und meist ohne Anzeige behoben - geleitet seit damals vom einzigen Dorfpolizisten. Telekomgigant Telefónica sponserte der Gemeinde 2004 rund 400 Handys, die SMS-Hinweise sind gebührenfrei. 2004 konnten die Bürger Juns erstmals im Rahmen eines Pilotversuches bei den Regionalwahlen mobil vom Handy aus wählen. Auch wenn die Stimmen nicht zählten, beteiligten sich 500 der 800 Wahlberechtigten.

Mehr Zeit miteinander, als in Wartschlangen

Die Angst, direkte soziale Kontakte der Dorfgemeinschaft würden unter der Vernetzung leiden hält Salas für unbegründet: "Die Menschen verbringen mehr Zeit miteinander und vergeuden weniger in Warteschlangen bei Amtswegen." Die elektronische Zustellung von Rezepten hätte so das chronisch überfüllte Gesundheitszentrum um 40 Prozent entlastet, führt er als Beispiel an. Klar, dass Salas seine Wahlkämpfe digital führt - mit beträchtlichen Einsparungen. Studiert hat der technologieaffine Politiker in Florida. Dort hat er bei Al Gores Beratern das geschnuppert, was das "Cyber-Pueblo" zur Stadt avancieren lassen soll: neue Technologien und Energien.(Jan Marot aus Granada/DER STANDARD, Printausgabe vom 7.2.2009)

  • Der Bürgermeister des spanischen Ortes Jun versteht es, die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen: sowohl für die Gemeindearbeit als auch in Wahlzeiten für seine Zwecke.
    screenshot: standard

    Der Bürgermeister des spanischen Ortes Jun versteht es, die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen: sowohl für die Gemeindearbeit als auch in Wahlzeiten für seine Zwecke.

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