Besorgniserregende Vorgänge

6. Februar 2009, 19:20
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Stellungnahme der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

I.

Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien schließt sich den Erklärungen anderer Katholisch-Theologischer Fakultäten an: Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Priesterbruderschaft Pius X. und die Leugnung der Shoa durch Bischof Williamson stellen einen in der Geschichte der römisch-katholischen Kirche einmaligen Vorgang dar.

Die Wiener Katholisch-Theologische Fakultät begrüßt deshalb auch die klaren Aussagen von Kardinal Schönborn zur Ungeheuerlichkeit einer Leugnung der Shoa und die von Papst Benedikt XVI. an Bischof Williamson gerichtete Forderung, diese Shoa-Leugnung eindeutig zu widerrufen und sich dafür in angemessener Weise zu entschuldigen. Die Äußerungen von Bischof Williamson sind selbstverständlich für Christinnen und Christen völlig inakzeptabel und entschieden zurückzuweisen.

Da die Piusbruderschaft fundamentale Lehren und Überzeugungen der römisch-katholischen Kirche ablehnt, sieht die Fakultät keine Grundlage für eine institutionelle Eingliederung der Bruderschaft in diese Kirche. Das II. Vatikanische Konzil ist ein unverzichtbarer Teil der großen Tradition der römisch-katholischen Kirche. Solange die Bruderschaft unaufgebbare Errungenschaften dieses Konzils wie die Religions- und Gewissensfreiheit sowie den ökumenischen Dialog und den Dialog mit den Religionen ablehnt, stellt sie sich selbst außerhalb der Kirche. Ihre Eingliederung würde daher das weitreichende und anerkannte Engagement der römisch-katholischen Kirche für Menschenrechte und Menschenwürde, für welches nicht zuletzt die Päpste seit dem II. Vatikanum stehen, weniger glaubwürdig machen.

II.

Weiters bringt die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien ihre Besorgnis über die Ernennung von Gerhard Wagner als Weihbischof der Diözese Linz zum Ausdruck, vor allem da diese Ernennung eine Bedeutung für die ganze römisch-katholische Kirche in Österreich hat. Es ist zu befürchten, dass dadurch das Ansehen der Kirche in unserer Gesellschaft Schaden nimmt und die Bemühungen jener missachtet werden, die sich für eine Kirche einsetzen, die stets der Reform bedarf ("ecclesia semper reformanda").

Die theologisch unhaltbare Kommentierung von Naturkatastrophen durch den bisherigen Pfarrer von Windischgarsten, die mit einer Geringschätzung der Opfer einhergeht, ebenso wie die fachlich inkompetente Äußerung zu Jugendliteratur muss entschieden zurückgewiesen werden. Wie wenig er mit einer Kirche des Dialogs vertraut sein dürfte, scheint seine Aussage zu bestätigen, die besorgniserregend ist und nicht die Lehre der Kirche widerspiegelt: "Der Islam ist eine Gefahr." Eine solche Überzeugung torpediert alle kirchlichen, insbesondere päpstlichen Bemühungen um einen Dialog mit dem Islam, ignoriert die verbindlichen Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils ("Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime") sowie der Charta Oecumenica. Die demokratiepolitisch bedenkliche Feststellung bedarf dringend der Korrektur.

Als Theologische Fakultät wünschen wir uns, dass die römisch-katholische Kirche weiterhin eine glaubwürdige Vertreterin des ökumenischen Dialogs, des Dialogs mit den Religionen, eine aufrichtige und demütige Freundin des Judentums und eine Anwältin für die Menschenwürde bleibt.

Für die Fakultät:

Univ. Prof. Martin Jäggle, Dekan (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.2.2009)

 

 

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