Maschinen mit menschlichem Gesicht

6. Februar 2009, 19:04
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Neues Konzept hilft Kindern mit Autismus bei der Erkennung von Emotionen

London - Erst als Jude auf Jenny traf, verstand der dreijährige autistische Bub, wie ein glücklicher Mensch aussieht. Dabei ist Jenny gar kein Mensch, sondern eine Trickfigur: Ein Straßenbahnwagen mit menschlichem Antlitz. Weil ihr ein Rad bricht, bleibt sie starr auf den Schienen liegen. Als Freunde sie flugs reparieren, strahlt sie übers ganze Gesicht. In dieser Szene habe es bei dem kleinen Jude geklickt, erzählt seine Mutter Caron Freeborn: "Das war sehr lehrreich."

Bevor er das Video sah, hatte Jude keine Ahnung davon, wie man Gefühle erkennt. Er achtete grundsätzlich nicht auf Gesichtsausdrücke - nicht bei seinen Eltern, nicht bei seinem kleinen Bruder und schon gar nicht bei Fremden. Die Abenteuer von Jenny sind Teil eines Videos für autistische Kinder mit dem Titel "Die Transporter". Die DVD soll den Kleinen zeigen, woran man Emotionen wie Freude, Wut oder Trauer erkennt. Dazu nutzt sie Fahrzeuge wie einen Zug, eine Straßenbahn oder eine Seilbahn. Entwickelt wurde das Konzept von Simon Baron-Cohen, dem Leiter des Autismus Forschungszentrums der Universität Cambridge.

Dieser - ein Cousin des Komikers Sacha Baron-Cohen alias Borat - unterrichtete schon in den 80er Jahren autistische Kinder. "Warum sollte soziale Interaktion Kindern so schwerfallen, die so viele gute Fähigkeiten auf anderen Gebieten wie etwa dem Gedächtnis oder dem Wahrnehmen von Details haben?", fragte er sich damals.

Typisch männliches Hirnschema

Baron-Cohen glaubt, die Entwicklungsstörung, die hauptsächlich Buben betrifft, beruhe auf einer extremen Ausprägung eines typisch männlichen Hirnschemas. Demnach erfassen Männer die Welt vor allem durch Muster und Strukturen, während Frauen Emotionen stärker berücksichtigen. Autistische Menschen, so die Ansicht des Forschers, nehmen ebenfalls nur Systeme und Muster wahr und vernachlässigen Personen und ihre Gefühle vollständig.

Um den betroffenen Kindern Zugang zu Emotionen zu ermöglichen, bedienten sich Baron-Cohen und seine Mitarbeiter eines Tricks. "Um autistischen Kindern etwas beizubringen, was sie schwierig finden, brauchten wir ein Autismus-freundliches Format", erzählt er.

Schon seit langem wissen betroffene Eltern, wie sehr sich ihre Sprösslinge für manche Maschinen wie etwa "Thomas, die Lokomotive" begeistern können. Also griffen die britischen Forscher auf acht verschiedene Fahrzeuge zurück, darunter vor allem Vehikel mit absehbarem Bewegungsradius etwa entlang von Schienen. Da die Maschinen menschliche Gesichter tragen, werden die Kinder zwangsläufig mit deren Mienen konfrontiert.

Von Gesichtern verwirrt

"Normalerweise werden autistische Kinder von Gesichtern verwirrt", sagt die Expertin Uta Frith vom Londoner University College, die nicht an der DVD beteiligt war. "Das Video hilft ihnen auf sanfte Art, sich darauf zu konzentrieren." So könnten sie soziale Fähigkeiten ähnlich lernen wie ihre Altersgenossen Rechnen oder eine Fremdsprache.

Eine kleine Studie an 20 autistischen Kindern zwischen vier und sieben Jahren scheint dies zu bestätigen. Darin fand Baron-Cohen heraus, dass jene Kleinen, die die DVD täglich mindestens 15 Minuten lang sahen, nach einem Monat Emotionen ebenso gut einordnen konnten wie gesunde Gleichaltrige. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie auch ihr Verhalten ändern. "Dies ist keine Wunderheilung", mahnt der Forscher. "Es zeigt nur, dass man sich verbessert, wenn man die Möglichkeit erhält, diese sozialen Fähigkeiten zu lernen."

Andere Experten betonen allerdings, das Video könne Spielen oder Arbeiten mit anderen Menschen nicht ersetzen. "Man kann seinen Nachwuchs nicht einfach stundenlang davor setzen und nach nebenan gehen", sagt Catherine Lord, die das Zentrum für Autismus an der Universität von Michigan leitet. "Aber im besten Fall ermöglicht das Video Interaktionen oder Spielsequenzen, die Kinder dann mit echten Menschen üben können." Zwar sind die Transporter nicht das erste Video für autistische Kinder. Aber während andere nur mit Mühe die Aufmerksamkeit der Kleinen gewinnen, berichten manche Eltern, ihre Sprösslinge seien ganz vernarrt in die Geschichten. Und für Familie Freeborn hat sich viel verändert: "Jude versteht jetzt, was Empörung ist", sagt die Mutter. "Wenn man einen kleinen Bruder hat, ist das sehr wichtig." (APA/AP/Maria Cheng)

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