Erratisch narrative Enzyklopädien

6. Februar 2009, 18:49
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"Photographien & Erinnerungen" und "Bilder des literarischen Lebens"

Kennern des literarischen Schaffens sind manche der Abbildungen aus unterschiedlichsten Publikationen bereits wohlbekannt. Nebeneinander betrachtet ergeben die beiden sorgsam edierten Fotobände, Gisèle Freunds "Photographien & Erinnerungen", und Isolde Ohlbaums Bilder des literarischen Lebens, allerdings nichts weniger als eine fotografisch-bibliophile Enzyklopädie des 20. Jahrhunderts. Die Porträtfotografien der beiden Künstlerinnen prägen, in ihrer Reduktion oder auch selbstverliebten Inszenierung, unseren Blickwinkel auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Gisèle Freund war mit einem Großteil der porträtierten Literaten und Künstler befreundet. Ihre Nähe bestimmt der unmittelbare Kontakt, erklärt den subtilen Versuch, das Innere des Menschen hinter der Fassade des Künstlers auszuleuchten, ohne Intimität zu verletzen.

Über fünf Jahrzehnte des Œuvres der im Jahr 2000 verstorbenen Grande Dame der französischen Fotografie sind in diesem Band, versehen mit persönlichen Notizen, versammelt. Beinahe nahtlos, teils zeitlich überlappend, schließt Isolde Ohlbaums sich über bereits vierzig Jahre erstreckendes Schaffen an. Ihre Porträts, oft Auftragsarbeiten für Verlage, geben auch Raum für Interpretationen diffiziler, fragiler Persönlichkeitsstrukturen. Poseure, Selbstdarsteller, Hauptdarsteller und Akteure bewusst gehegter Nebenschauplätze illustrieren das Selbstverständnis der exzentrischen, zwischen Verweigerung und Ruf nach Aufmerksamkeit angesiedelten Literaturszene. Kein klingender Name der schreibenden Zunft fehlt. Eine Auflistung der Namen würde den Rahmen sprengen. Erratisch darf der Betrachter dieser literarisch-fotografischen Monografien sein Allgemeinwissen in Bezug auf literarische Strömungen, philosophische, politische Positionierungen und narrative europäische Künstlerleben testen. Naturgemäß sind Optik und Ästhetik der Fotos ihrer Zeit unterworfen, bleiben aber als Dokumente zeitlos relevant. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.02.2008)

 

  • Gisèle Freund, "Photographien & Erinnerungen" . € 49,- / 224 Seiten. Schirmer/Mosel Verlag, München 2008
  • Isolde Ohlbaum, "Bilder des literarischen Lebens" . € 68,- / 360 Seiten. Schirmer/Mosel Verlag, München 2008
  • Artikelbild
    foto: der standard
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